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Till Fähnders (fäh.)

Putsch in Myanmar : Brutales Erwachen

In Thailand lebende Bürger aus Myanmar (Burma) bekunden am 4. Februar vor der Botschaft ihres Landes in Bangkok Solidarität mit Aung San Suu Kyi. Bild: AP

Die Machtübernahme in Myanmar beendet ein Experiment mit Aung San Suu Kyi an der Spitze. Doch die Hoffnungen, die der Westen in sie setzte, waren schon immer naiv.

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          In Myanmar hat das Militär die Macht übernommen. Es ist ein Déjà-vu: Aung San Suu Kyi ist wieder Gefangene der Generäle, wie in den neunziger Jahren. Und doch ist diesmal alles anders. Der Putsch markiert das Ende eines Experiments. Das Militär hatte demokratische Reformen angestoßen, dann aber gemerkt, dass es bei Wahlen nicht den Hauch einer Chance gegen „Mutter Suu“ hat.

          Die wird von den Menschen in Myanmar tief verehrt. Sie ist die Tochter des Nationalhelden Aung San, und sie hat ihr eigenes Leben aufgegeben, um für ihre Landsleute zu kämpfen. Fünfzehn Jahre verbrachte Aung San Suu Kyi im Hausarrest, getrennt von ihrer Familie. Ein noch so strenger Corona-Lockdown gibt nur eine entfernte Ahnung, wie sich das angefühlt haben muss.

          Weil sie kaum Kontakt zur Außenwelt hatte, konnte Aung San Suu Kyi damals jeder so sehen, wie er wollte. Es gab nichts, was das Bild von der Freiheitsikone trüben konnte. Das änderte sich erst, als sie vor rund zehn Jahren freigelassen wurde und zum ersten Mal politische Macht ausübte. Was sie dann tat, entsprach nicht dem, was ihre Unterstützer aus dem Ausland erwartet hatten.

          Die Welt rätselt

          Unter der von ihr angeführten Zivilregierung wurden Kritiker verurteilt und Journalisten gegängelt. Den folgenreichsten Verrat an ihren vermeintlichen Idealen beging sie in den Augen ihrer ausländischen Unterstützer, als sie das Militär nach dem Massaker an den Rohingya verteidigte. Zahlreiche Menschenrechtspreise wurden ihr aberkannt. Bis heute rätselt die Welt, weshalb sich Aung San Suu Kyi damals nicht für die muslimische Minderheit eingesetzt hat.

          Das Bild, das sich die Welt von der edlen „Lady“ machte, war freilich immer naiv. Ihren Ikonenstatus hat sie zu Recht eingebüßt. Deshalb wirken die Forderungen nach ihrer Freilassung derzeit etwas weniger enthusiastisch, als sie es früher gewesen sind.

          Eine Demonstrantin bietet einem Polizisten in Myanmar Blumen dar.
          Eine Demonstrantin bietet einem Polizisten in Myanmar Blumen dar. : Bild: AP

          Doch Myanmars Zivilregierung braucht die Unterstützung aus dem Ausland. Aung San Suu Kyis Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) hat bei der Wahl im November die absolute Mehrheit der Parlamentssitze errungen. Ihre Regierung ist demokratisch legitimiert. Kleine Unregelmäßigkeiten könnte es gegeben haben, aber die Vorwürfe eines massiven Wahlbetrugs, die das Militär erhebt, wirken abwegig.

          Nicht zur Ikone stilisieren

          Mit dem Militär sind nun die Verantwortlichen für den Völkermord an den Rohingya an der Macht. Der Putschgeneral Min Aung Hlaing sollte eher vor ein Kriegsverbrechertribunal gebracht werden als an die Spitze einer Regierung.

          Aung San Suu Kyi hat sich durch ihr Verhalten womöglich mitschuldig gemacht. Aber sie hatte nicht die Kontrolle über das Militär, das die Verbrechen beging. Das heißt nicht, dass die Öffentlichkeit dazu zurückkehren sollte, Aung San Suu Kyi wieder zu einer Ikone der Demokratiebewegung zu stilisieren.

          Sie ist eine mitunter halsstarrige und beratungsresistente Führungspersönlichkeit. Wahrscheinlich hätte sie auch im Umgang mit dem Militär geschickter vorgehen können. Vielleicht war es auch zu selbstherrlich von ihr, sich als „Staatsrätin“ über die Regierung zu stellen und damit die vom Militär ausgearbeitete Verfassung zu umgehen. Vielleicht hätte sie die Vorwürfe des Wahlbetrugs ernster nehmen sollen.

          Aber wer will ihr wirklich vorwerfen, dass sie der Armee, die fünf Jahrzehnte ihr Land unterdrückt hat, in diesen Dingen keine Zugeständnisse machen wollte? Die eigentliche Illusion der vergangenen Jahre war die Vorstellung, dass sich das Militär irgendwann von seiner Machtposition verdrängen lassen würde. In dieser Hinsicht ist der Putsch ein brutales Erwachen.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

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