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Putins Rede zum 9. Mai : Ein Dokument der Ratlosigkeit

Der russische Präsident Wladimir Putin während der Militärparade zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai 2022 auf dem Roten Platz in Moskau Bild: via REUTERS

Es ist kein Grund zur Entwarnung, dass Putin am „Tag des Sieges“ nicht die von vielen befürchteten großen Ankündigungen gemacht hat. Er kann immer noch zum Schluss kommen, dass eine weitere Eskalation für ihn der einzige Ausweg ist.

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          Die Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin zum 9. Mai verrät Ratlosigkeit. Zweieinhalb Monate nach dem Beginn des Kriegs gegen die Ukraine hat er dazu nichts anderes zu sagen als das, was er an dessen Beginn gesagt hat – so, als sei die Zeit seither stehen geblieben. Die Kämpfe in der Ukraine kamen in Putins Rede während der Militärparade zum Jahrestag des Weltkriegsendes nur in allgemeinen Phrasen vor, die so schon am ersten Kriegstag hätten fallen können. Das Wort Ukraine nahm er gar nicht in den Mund. Lang war dagegen die Reihe historischer Helden, auf die Putin sich berief – angefangen mit dem Kiewer Großfürsten Jaroslaw aus dem 11. Jahrhundert.

          Offenbar hat der Kreml bisher weder eine rhetorische noch eine praktische Antwort auf die Frage gefunden, wie er damit umgehen soll, dass nach dem Scheitern des schnellen Vorstoßes auf Kiew nun auch die angekündigte Offensive im Osten der Ukraine nicht richtig vorankommt. Also zieht sich Putin in der Öffentlichkeit auf ein statisches Weltbild zurück, in dem Veränderungen nicht vorgesehen sind; die Russen würden „Glauben und traditionelle Werte, die Gebräuche der Vorfahren“ nie aufgeben.

          Angesichts der Umbrüche, die Russland im 20. Jahrhundert erlebt hat, vor allem angesichts der gewaltsamen Zerstörung gewachsener gesellschaftlicher Strukturen durch den von Putin rehabilitierten Diktator Stalin, klingen solche Formeln wie Hohn auf die leidvolle Geschichte des eigenen Landes.

          Putin hat Russland mit diesem Krieg in eine Sackgasse geführt. Ob er selbst noch die Autorität zu einer Kehrtwende hätte, ist zweifelhaft. Denn wenngleich das Regime Kritiker zum Schweigen bringen kann, kann es die Emotionen nicht ungeschehen machen, die es mit seiner Kriegspropaganda angeheizt hat.

          Dem muss Putin Rechnung tragen. Unter diesen Umständen ist es eine relativ gute Nachricht, dass er keine der großen Ankündigungen über einen Sieg oder eine Mobilisierung gemacht hat, die viele befürchtet haben. Ein Grund zur Entwarnung ist das nicht. Zu dem Versuch, durch eine Eskalation des Kriegs nach vorne aus der Sackgasse auszubrechen, kann Putin auch ohne symbolisch bedeutsames Datum schreiten.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

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