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Putins Pressekonferenz : Ganz in seiner Rolle

Der Fall Skripal dient Putin so wie fast alle außenpolitischen Themen vor allem dazu, dem Westen „Russophobie“ vorzuwerfen. Eine Journalistin nimmt ihm diese Arbeit ab: Ob es nicht merkwürdig sei, dass im Fall des ermordeten saudischen Kronprinzen-Kritikers Khashoggi die Reaktion des Westens so verhalten sei, es aber wegen des Giftanschlags von Salisbury laufend neue Sanktionen gebe? Putin hört sich das genüsslich an, und stimmt dann zu: Skripal sei doch „gottseidank am Leben“, Khashoggi dagegen tot. Das sei alles nur ein Vorwand, um Russland in seiner Entwicklung zu behindern, auf dass es kein ernsthafter Konkurrent werde. Die Sanktionen stecke Russland locker weg: Die Landwirtschaft floriere – ein Lieblingsargument Putins, wenn es um die Sanktionen geht, die in Wahrheit die russische Wirtschaft empfindlich treffen. Russland hat als Antwort auf die europäischen Sanktionen einen Einfuhrstopp gegen Lebensmittel aus mehreren westlichen Ländern verhängt und muss daher nun viel mehr selbst produzieren, was dazu führt, dass die Qualität der Lebensmittel sich drastisch verschlechtert hat, besonders der günstigen. Eine Journalistin der Zeitung „Landleben“ fragt dann noch, wie es sein könne, dass die Landwirtschaft seit einiger Zeit kaum noch wachse, wo es doch überhaupt keine Konkurrenz gebe? Putin weicht der Frage mit säuerlichem Blick aus.

Geradezu milde äußert er sich, als die Sprache auf die Gefahr eines Atomkrieges kommt. In letzter Zeit hat er in ganz anderem Ton darüber gesprochen – im Oktober hatte er etwa gesagt, wenn Russland mit Atomwaffen angegriffen werde, und darauf dann ebenso antworte, würden die Russen „als Märtyrer ins Paradies kommen, die Angreifer einfach verrecken.“ Die Angst vor einem irrationalem Umgang mit Atomwaffen aufrecht zu erhalten ist zentral für Russland, das in einem konventionellen Krieg dem Westen deutlich unterlegen wäre. Auch darauf zielen solche Äußerungen. Am Donnerstag hat Putin eine andere Rolle zu spielen. Als er gefragt wird, wie er dazu stehe, dass in den Küchen des Landes – der Ort, an dem sich die Russen gerne unterhalten – wieder öfter das Wort „Krieg“ zu hören sei, ist Putin ganz Vater der Nation. Es sei „sehr schade“, dass es eine Tendenz gebe, die Gefahr eines Nuklearkrieges zu unterschätzen – er meint offensichtlich die Vereinigten Staaten und den von ihnen angedrohten Ausstieg aus dem INF-Abrüstungsvertrag. Wenn die Amerikaner diesen und andere Abrüstungsverträge nicht wollten: „Na okay! Wir werden überleben; wir wissen, wie wir unsere Sicherheit gewährleisten.“ Russland wolle dann keinen militärischen Vorteil durch Aufrüstung erringen, sondern nur „Balance“.

Putin inszeniert sich als Kümmerer

Zur Lage in den Regionen sieht das Frage-Antwort-Schema immer gleich aus: Ein Journalist schildert ein Problem – eine Kleiderfabrik muss schließen, der Bau eines Fußballplatzes für arme Kinder scheitert an den Behörden; ein Fluss droht zu kippen, eine Region, durch die die Gasleitungen Nord Stream 1 und 2 führen sollen, ist selbst nicht an die Versorgung angeschlossen. Putin macht sich Notizen, verspricht jedes Mal, sich alles anzuschauen, sich zu kümmern. Der Wunschglaube, dass Hilfe kommt, wenn bloß Putin endlich davon erfährt, ist eine der Stützen seines Rückhalts in der Bevölkerung.

Wie unfair die Kräfteverhältnisse dieser Pressekonferenz verteilt sind, zeigt sich an der Frage, die die kritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ stellt. Der Journalist fragt, was Putin darüber wisse, dass drei seiner Kollegen – die aber nicht bei der „Nowaja Gaseta“ arbeiteten – im Juli in der Zentralafrikanischen Republik getötet worden seien, als sie über die private Söldnerfirma „Wagner“ recherchierten. Die Firma wird dem Putin-Vertrauten und Geschäftsmann Jewgenij Prigoschin zugeschrieben, der in der Gastronomie tätig ist und auch „Putins Koch“ genannt wird. Ein Journalist der „Nowaja Gaseta“ hatte im Herbst über Prigoschins Vergangenheit recherchiert; daraufhin hatte jemand vor der Redaktion einen an ihn adressierten, abgetrennten Schafskopf und ein Grabgesteck abgelegt.

Putin lenkt das Thema der ermordeten Journalisten mühelos in die für ihn genehme Richtung: Der Fall sei eine „große Tragödie“. Doch er insinuiert, die Journalisten seien selbst Schuld an ihrem Tod: Soweit ihm bekannt sei, seien sie in Afrika ohne Genehmigung unterwegs gewesen. Er spricht dann noch allen Angehörigen sein Beileid aus.

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