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Putins Palast : Nawalnyjs Frontalangriff auf den Präsidenten

Ein Standbild aus dem von Alexej Nawalnyj veröffentlichten Youtube-Video über „Putins Palast“ am Schwarzen Meer zeigt eine Satellitenansicht des Anwesens. Bild: Foto Alexej Nawalnyj/Youtube/F.A.Z.

Ist die Veröffentlichung des Videos über Putins mutmaßlichen Prunkbau am Schwarzen Meer nur eine provozierende Demonstration von Furchtlosigkeit? Oder folgt Nawalnyj einem rationalen politischen Kalkül?

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          Mit dem Film über den mutmaßlichen Palast Wladimir Putins am Schwarzen Meer geht Aleksej Nawalnyj aufs Ganze. Er fordert den Machthaber nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch den Moment der Veröffentlichung heraus: gleich nach seiner Rückkehr nach Russland und seiner erwartbaren Festnahme. Eine provozierendere Demonstration von Furchtlosigkeit ist schwer vorstellbar. Unter seinen Anhängern festigt diese eisern wirkende Unbeugsamkeit den Glauben, dass er in der Lage ist, den Kampf gegen das Regime zu führen. Auch vielen Kreml-Gegnern, die Nawalnyj sonst skeptisch sehen, nötigt dieses Vorgehen Respekt ab.

          Aber die Festigung der eigenen Reihen ist ein zu geringer Gewinn, als dass ein strategisch handelnder Oppositioneller wie Nawalnyj ein solches Risiko einginge. Was kann sich Nawalnyj von diesem Vorgehen versprechen? Seine Position wirkt schwach: Er ist nach der Veröffentlichung des Films noch mehr als zuvor in Gefahr, jahrelang im Gefängnis zu verschwinden – mit dem Risiko großer Nebenwirkungen für seine Gesundheit.

          Und auch wenn die Unzufriedenheit mit Putin und seinen Leuten in Russland messbar wächst, deutet im Moment nichts auf eine Protestwelle hin, die den Machthabern unmittelbar gefährlich werden könnte. Es ist bisher nur eine Minderheit in Russland, die in Nawalnyj eine glaubwürdige Alternative zum jetzigen Machthaber sieht. Den Demonstrationen, zu denen Nawalnyj für kommenden Samstag aufgerufen hat, stehen nicht nur die Repressionsorgane entgegen, sondern auch zweistellige Minustemperaturen, die Covid-Pandemie und die weitverbreitete Überzeugung, dass Veränderungen von unten in Russland sowieso nicht möglich seien.

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          Ein irrationaler Husarenritt ist Nawalnyjs Vorpreschen dennoch nicht. Wäre er im Ausland geblieben, wäre ihm der Abstieg in die politische Bedeutungslosigkeit sicher gewesen, und lange Haftstrafen drohten ihm bei der Rückkehr ohnehin. Er musste in die Offensive gehen, wenn das in den vergangenen Jahren mühsam erarbeitete politische Kapital in seiner Abwesenheit nicht schmelzen sollte. Das ist ihm gelungen. Diese frontale Attacke auf Putin, wie es sie in einer solchen Breitenwirkung noch nicht gegeben hat, wird ein festes Datum in der russischen Politik bleiben, das mit Nawalnyjs Namen verbunden bleibt.

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