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Russland : Vertreibung aus Nächstenliebe

Bild: F.A.Z.

Doch direkt am Eingang der Klosterbucht liegt eine kleine Insel, die Einheimische „Betrunkene Insel“ nennen, weil dort einst Pilger in entsprechendem Zustand ausnüchtern mussten, ehe sie auf Walaam vorgelassen wurden. Nun heißt sie „Lichte Insel“ und ist für die Öffentlichkeit gesperrt. Eine Fahrt im Motorboot offenbart, dass auf der vom See abgewandten Seite der Insel ein Pavillon errichtet wurde, nur über einen Steg zugänglich: ideal für Treffen in geistig-gediegener Atmosphäre. Am Ende der Klosterbucht hat gerade eine prächtige Motoryacht festgemacht. Sie soll Jurij Kowaltschuk gehören, dem Mehrheitseigner der Bank Rossija, die als Geldhaus der Elite gilt. Tatsächlich ähnelt der Mann, der am Ende einer kleinen Bucht im Inselinneren nahe der 2014 gebauten Alexander-Njewskij-Skite mit Familie aufs Wasser schaut, diesem Petersburger Weggefährten Putins. Aber vielleicht ist das nur ein Trugbild.

Am anderen Morgen ist Sergej Grigorjew nicht am Hafen – die beiden Männer in schwarzen Uniformen haben freie Hand. Auch Klostersprecher Schischkow ist gekommen und wirft zwei Händlern „Provokationen“ vor. Auch dem ausländischen Journalisten wird vorgeworfen, er habe sich am Vortag der „Teilnahme an einem Verbrechen“ schuldig gemacht, da die Händler kein Recht hätten, hier zu handeln. Einer der beiden heißt Filipp Muskjewitsch; er kam vor Jahrzehnten aus Estland her und blieb selbst, nachdem seine Familie 2008 per Gerichtsbeschluss umgesiedelt wurde. Nun haust er im Wintergasthof, mal hier, mal dort. Vergebens zeigt Muskjewitsch seine Handelslizenz: Schischkow sagt, die Erlaubnis sei für eine andere Bucht und überdies abgelaufen. Vergebens sagt Muskjewitschs Kollege, ein früherer Polizist, dass das Kloster kein Recht habe, hier am Hafen zu kontrollieren. Der Klostersprecher sagt, gleich komme die Polizei. „Mit der Polizei klären wir das“, sagt der frühere Polizist. Schischkow und die Männer in Schwarz lachen gleichzeitig laut auf. „Ihr tut uns leid. Wir lieben euch!“, beteuert der Klostersprecher. „Wir helfen euch dabei, das Gesetz nicht zu verletzen! Wir retten euch die Lizenz als Händler! Nicht wir verbieten es, hier zu handeln, das Gesetz verbietet es! Wir retten euch, damit ihr nicht ins Gefängnis kommt!“ Auf die Frage, wo denn die Händler sonst ihre Waren verkaufen könnten, sagt Schischkow, das müsse die Stadt entscheiden. Er redet sich in Rage, behauptet, Muskjewitsch habe „Milliarden“ an dem Kloster verdient, aus dem er in der Öffentlichkeit ein „Monster“ mache. Der verhinderte Händler sieht abgerissen aus, sein alter Lada steht neben vom Feuer vernichteten Möbeln im Hof des Wintergasthofs. „Er verdient mit unserem Kloster und sagt, dass es böse ist! Er hat der ganzen Welt den Krieg erklärt!“, wütet Schischkow. Muskjewitsch sei einst aus Estland geflohen, weil sie Russen dort zu Bürgern zweiter Klasse gemacht hätten: „Warum hast du dort nicht um deine Wohnung gekämpft? Wo ist deine Heimat?“, ruft Schischkow. „Walaam“, sagt der Souvenirhändler.

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