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Russland : Vertreibung aus Nächstenliebe

Allianz von Gerichten und Behörden

Im Gang ist es dunkel, aber der Blick durch das Treppenhaus geht durch rußgeschwärzte Balken in den Himmel. Als Schrajner am Morgen des 1. Mai in diese Richtung blickte, sah er Rauch, der aus der Wohnung seines Nachbarn zwei Stockwerke über ihm kam. Dieser Nachbar, Dmitrij Siniza, lebte auch schon lange auf der Insel und hatte öffentlich gegen die Umsiedlungen Partei ergriffen.

Schrajner rief die Feuerwehr. Einige örtliche Kräfte kamen sofort, konnten aber den Brand nicht löschen. Verstärkung vom Festland kam zwei Stunden später, obwohl die Überfahrt von Sortawala nur 50 Minuten dauert. Weitere Stunden vergingen, ehe der Brand gelöscht war. Da waren Sinizas Bleibe und weitere Wohnungen, die Pilgerherberge und die kleine Schule von Walaam zerstört, die auch im Wintergasthof untergebracht war. Eine Schiefertafel liegt noch im ausgebrannten Flur. Die Kinder wurden dann in einem Backsteinbau hinter dem Klostergelände unterrichtet, dem alten Kulturhaus von Walaam, in dem auch einige Bewohner Unterschlupf fanden. Anfang Juli jedoch teilte die Bezirksverwaltung mit, die Schule werde mangels Räumlichkeiten geschlossen, auch das Kulturhaus ziehe aufs Festland um. Der Mann, der den Brand laut Polizei gelegt haben soll, sitzt in Untersuchungshaft: Es ist Siniza.

Schrajner sagt, als er die Feuerwehr holte, habe er seinen Nachbarn gesehen, der betrunken von einem Spaziergang zurückkam. Von den Bewohnern des Wintergasthofes glaubt keiner, dass ihr Nachbar der Täter war. Sie glauben, auf Siniza sei „Druck“ ausgeübt worden, damit er gestand. So sagte es auch der Beschuldigte vor Gericht. Vergebens. Die Bewohner wurden nicht vernommen. Sie erzählen von einem Mitarbeiter des Klosters, der zur fraglichen Zeit in der Wohnung gewesen sei. Davon, dass der Abt von einem „reinigenden Feuer“ gesprochen habe. Sie glauben an eine Allianz von Gerichten und Behörden im Interesse der Kirche. Ein örtlicher Journalist, der regelmäßig über die Geschehnisse berichtet, erhält immer wieder Drohungen; die Polizei geht dem nicht nach. Patriarch Kirill sagte, es werde versucht, die Walaam-Frage zu „politisieren, Organisationen einzubeziehen, auch solche, die im Ausland sind“; Massenmedien würden benutzt, „um aus einem Thema, das an sich kein Problem ist, ein Problem zu machen“.

„Milliarden“ an dem Kloster verdient

Es gibt zwei Theorien, warum die Einwohner die Insel verlassen sollen. Händler argwöhnen, das Kloster wolle keine Konkurrenz für den eigenen Handel mit Souvenirs wie Heiligenbildern. Schilder werben auch für Walaam-Lebkuchen, Walaam-Eis und Walaam-Rauchfleisch. Dabei sind die Erzeugnisse eines klostereigenen Bauernhofs auf der Insel, etwa Quark, wie ihn Putin zum Frühstück mag, gar nicht im Handel erhältlich. Zudem vermuten Einwohner, das Kloster und seine Schutzherren wollten keine „fremden Augen und Ohren“ auf der Insel. Mal ist von einer hinter Zäunen abgeschirmten Residenz Putins nahe der Skite des heiligen Wladimir die Rede, mit eigenem Hubschrauberlandeplatz; ein Foto dazu zeigt einen modernen Holzbau mit Steg direkt zum Wasser. Mal von einem Besuch des Präsidenten mit Lebensgefährtin, die Kinderwagen schiebe. Mal von anderen prominenten Gästen aus Ministerien und Wirtschaft. Wo die Grenze zwischen Geschwätz und Wahrheit verläuft, ist unklar.

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