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Russland : Vertreibung aus Nächstenliebe

Im Wintergasthof, wo die Finnen eine Schule für Seefahrt eingerichtet hatten, brachte die Sowjetmacht Kriegs- und Arbeitsversehrte unter. Die letzten wurden Mitte der achtziger Jahre aufs Festland umgesiedelt. Damals erhielten Mitarbeiter des 1979 gegründeten Museumsparks Walaam, Restauratoren und Exkursionsleiter, im Wintergasthof und in weiteren Gebäuden Wohnungen. Das Museum wurde 1992 aufgelöst, seit 1999 ist der gesamte Archipel ein Naturpark.

„Unbewohnbar! Da ist kein Wasser, kein Licht!“

Das störte aber nicht den Bau einer Residenz des Patriarchen und neuer Kapellen und Skiten, getreu einem weiteren Ausspruch Kirills: Es sei „womöglich Aufgabe unserer Generation, auf jeder Walaamer Insel eine Skite zu gründen, einen Ort abgeschiedenen Lebens“. Ende der achtziger Jahre waren die ersten neuen Mönche angekommen; heute sind rund 200 hier, die allermeisten aber nur in den warmen Monaten. Sergej Grigorjew erzählt, die Einwohner hätten den ersten Mönchen zu essen gegeben. Aus Sicht des Klosters war es umgekehrt: Die Mönche hätten die Inselbewohner ernährt. So erklärt es Michail Schischkow am Klostereingang oberhalb des Hafens. Er ist seit 22 Jahren Sprecher des Klosters – und damit im Sinne von Abt und Patriarch der Gegenspieler Grigorjews und dessen Schützlingen. Schischkow sieht die Wurzeln des Konfliktes darin, dass in den achtziger Jahren Walaamern widerrechtlich Wohnungen in ungeeigneten Behausungen zugewiesen worden seien. „Alles, was jetzt passiert, ist eine Folge der Fehler der Regierung nach dem Ende der Sowjetunion.“ Man stelle nur die Ordnung wieder her. Den Konflikt hätten die Bewohner angezettelt – aber was heiße das eigentlich: Das Problem seien nur fünf besonders renitente Leute. Und die, legt Schischkow nahe, seien vom Westen gekauft: Zwei der Bewohner – Namen will der Sprecher nicht nennen – seien in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Washingtons langer Arm, soll das heißen, reicht bis in den Ladogasee.

Geschäftsschädigend: Sergej Grigorjew und ein Vertreter der Macht.
Geschäftsschädigend: Sergej Grigorjew und ein Vertreter der Macht. : Bild: schmidt

Denjenigen, die nicht umsiedeln wollen, wirft Schischkow vor, trotzdem in der Kantine des Klosters zu essen und sich nicht mit in Sortawala angebotenen Ersatzwohnungen zufriedenzugeben, sondern in die Republikhauptstadt Petrosawodsk oder gar nach Sankt Petersburg zu wollen. Überhaupt, sagt der Sprecher, gebe es auf Walaam keine Bedingungen für ein vollwertiges Leben, kein Krankenhaus etwa. Dass es eine Ambulanz gibt, die aber seit einigen Jahren dem Kloster vorbehalten ist, sagt er nicht. Überhaupt sei unverständlich, warum jemand im Wintergasthof leben wolle. Da sei es scheußlich. Man blicke doch nur ins Grundbuch: „Unbewohnbar! Da ist kein Wasser, kein Licht!“ Dass das erst seit dem Brand so ist, sagt Schischkow nicht. Und dazu, dass im Wintergasthof sogar eine Pilgerherberge des Klosters war, sagt er nur, das sei doch nicht dasselbe wie eine Wohnung. Auch die Herberge wurde beim Brand zerstört. Am Hafen hat daher ein großes Schiff festgemacht, das sonst auf der Wolga Ausflügler herumfährt: Das Kloster hat es als provisorische Pilgerherberge angemietet. Einer, der erzählen kann, wie es war mit dem Brand am 1. Mai, ist Wladimir Schrajner, ein bärtiger Mann in Flecktarn mit wettergegerbtem Gesicht. Schrajner kam als Kapitän hierher und lebt noch immer in der Wohnung seiner Familie im vom Brand verwüsteten Südflügel des Wintergasthofs. Die Erdgeschosswohnung ist noch feucht vom Löschwasser. Schrajner kocht mangels Strom auf einem kleinen Gaskocher. Das Essen des Klosters will er nicht annehmen, Hilfe nur von der Evangelisch-Lutherischen Kirche, die in Sortawala Kleidung für die Walaamer sammelt. Seine Wohnung verlassen will Schrajner auch nicht, weil er fürchtet, nicht mehr zurückzukommen.

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