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Russland : Vertreibung aus Nächstenliebe

Klosterkirche: Walaam im Ladogasee
Klosterkirche: Walaam im Ladogasee : Bild: Friedrich Schmidt

Vor einem Jahr hatte das klostereigene Versorgungsunternehmen den Bewohnern schon einmal Wasser und Strom abgestellt, damals hatten Beschwerden noch geholfen. Ein verblichenes Foto an der Wand der Küche zeigt den früheren Ortsvorsteher, wie er Präsident Putin die Hand schüttelt. Das sei 2005 gewesen, sagt Grigorjew. „Wir redeten fünf Minuten, ich erzählte ihm von der Gesetzlosigkeit hier auf der Insel. Ein halbes Jahr später begannen die Prozesse gegen mich.“ Bewohner schrieben einen offenen Brief an Putin mit der Bitte, der „Vertreibung aus unseren Häusern“ Einhalt zu gebieten. Auch an Patriarch Kirill schrieben sie. Doch die Kirche hat andere Pläne für den Wintergasthof: Der Staat hat schon mehr als viereinhalb Millionen Euro für die Einrichtung eines religiösen Bildungszentrums dort freigemacht.

Diejenigen, die nicht umsiedeln wollen, verweisen auf die Schönheit der Insel und auf drohende Arbeitslosigkeit auf dem Festland; für die Souvenirhändler ist Walaam mit seinen Pilgern und Touristen Existenzgrundlage. Für Grigorjew, der früher als Ingenieur Atomkraftwerke baute und den die Heirat mit einer gebürtigen Walaamerin vor drei Jahrzehnten auf die Insel führte, ist der Kampf auch sehr persönlich: Der Garten seiner Familie wenige Meter unterhalb des Wintergasthofs ist ebenfalls in Gefahr. Grigorjew hat ihn zu einem Denkmal für seinen Sohn Viktor gemacht. Dieser wurde von Walaam ins Militär eingezogen und fiel 2001 in Tschetschenien. Viktor hatte seinem Vater gesagt, sie könnten doch hier Obstbäume pflanzen. Nun pflanzt Sergej Grigorjew jedes Jahr einen. 34 sind es schon, so alt wäre Viktor heute. „Grigorjew-Garten – angelegt 2003 in Erinnerung an die Soldaten, die in Tschetschenien in Ausübung ihrer dienstlichen Pflicht getötet wurden“, steht auf einem Schild. So groß, dass es Mönche, Pilger und Touristen über die Fliederbüsche hinweg lesen können.

Seit 1999 ein Naturpark

Vor kurzem musste Grigorjew hier zwei Gewächshäuser abreißen. Zuvor traf es ein Gartenhaus. Angeblich, so das Gericht, verstießen die Bauten gegen Bauvorschriften, weil sie ein Fundament hätten. Sie hatten keines. In Gärten des Klosters sind Gewächshäuser und Hütten kein Problem. Auf eine alte Tiefkühltruhe, die einmal im Gartenhaus stand, hat Grigorjew Plastikflaschen mit Wasser in die Sonne gestellt, um sich damit zu waschen – schließlich ist das Wasser in seiner Wohnung abgestellt. Ein Holzhaus, das noch hier steht und bewohnbar wäre, soll auch kraft Gerichtsbeschlusses weichen. Grigorjew spricht von einer Belagerung durch das Kloster. Es ist, als herrschte Krieg zwischen Kirche und Macht einerseits und den Bewohnern auf der anderen Seite. Walaam hat schon ganz andere Konflikte gesehen. Im 16. Jahrhundert sollen hier rund 600 Mönche gelebt haben; Schweden ermordeten sie in mehreren Überfällen, das Kloster verfiel. Zar Peter der Große, der die Gegend für sein Reich eroberte, ordnete 1715 die Erneuerung an. Ab 1811 gehörte der Archipel zum Finnischen Großfürstentum des Russischen Reichs. 1917 wurde Walaam Teil des neu gegründeten Finnlands, ab Mitte der zwanziger Jahre gab es Gottesdienste in finnischer Sprache, was zu Streit und dem Fortzug etlicher Mönche führte. 1940, nach Beginn des Winterkriegs – Stalins Überfall auf Finnland, an den zahlreiche Massengräber in den Wäldern der Gegend erinnern – verließen auch diese Mönche die Insel, unter den Bomben der Roten Armee. Deren Angriffe galten einer finnischen Militärgarnison. Die geflohenen Mönche gründeten auf bis heute finnischem Gebiet das Kloster Neu-Walaam; immer noch streiten die Russische und die Finnische Orthodoxe Kirche über die Rückgabe einer bedeutenden Ikone. Auch die sowjetische Marine nutzte dann die Inseln als Stützpunkt, der Friedhof im Klostergarten wurde als Schießplatz, Ikonen als Zielscheiben missbraucht.

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