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Russland : Vertreibung aus Nächstenliebe

Zahl der Walaamer von rund 500 auf etwa 130

Dass die Verkäufer an diesem Tag bleiben können, liegt am Eingreifen eines Fürsprechers. Sergej Grigorjew, ein sehniger Mann Ende 50, zeigt den Männern in Schwarz einen Ausweis: Er ist Abgeordneter im Stadtparlament von Sortawala. Grigorjew fragt die Männer, mit welchem Recht sie die Händler von der Arbeit abhielten. Einer der Sicherheitsleute greift zum Telefon, reicht es Grigorjew weiter. Die Männer rücken schließlich ab – sagen aber ein paar Meter weiter Touristen, der Verkauf von Souvenirs hier sei „nicht gesegnet“. Im Sprachgebrauch des Klosters ist auf Walaam nichts verboten, aber vieles „nicht gesegnet“.

Von 2003 bis 2006 war Grigorjew der letzte Ortsvorsteher von Walaam. Bis die Regierung der Teilrepublik Karelien, auf deren Gebiet Walaam liegt, die Siedlung der Stadt Sortawala zuschlug und so Grigorjews Posten abschaffte – wofür sich der damalige Patriarch einsetzte. Ein Schritt zur Herrschaft über Walaam. Ein weiterer war es, die Umsiedlung der weltlichen Bewohner auf das Festland zu betreiben. Der Streit, der schon ein Vierteljahrhundert schwelt, konzentriert sich gegenwärtig auf einen weißen Bau mit drei Flügeln aus der Mitte des 19. Jahrhunderts nahe der Klosteranlage, den sogenannten Wintergasthof. Das Kloster vertritt die Auffassung, dass gut ein Dutzend Familien, die noch dort gemeldet sind, umsiedeln sollen, weil das Gebäude „unbewohnbar“ sei. Ein Grundbuchauszug von 1974 bezeichnet das Gebäude als Wohnhaus. Vor zehn Jahren übereignete die Republik den Wintergasthof dem Kloster – und ein zweiter Grundbuchauszug erschien, der das Gebäude als unbewohnbar einstuft. Auf welcher Grundlage die Umwidmung erfolgte, ist ungeklärt.

Die Bewohner versuchten, vor Gericht zu beweisen, dass der Wintergasthof tatsächlich ein Wohnhaus sei. Vergebens. Stattdessen haben Gerichte auf Betreiben des Klosters schon mehrere frühere Bewohner von Walaam zur „Aussiedlung“ verurteilt. Das Kloster stellt sich auf den Standpunkt, dass der Zwangsumzug in auf Staatskosten errichtete Wohnungen in Sortawala ein Akt der Barmherzigkeit sei. Oder es argumentiert, dass die Einwohner nur zu Besuch auf der Insel seien und tatsächlich längst auf dem Festland lebten. Seit Ende der achtziger Jahre sank die Zahl der Walaamer von rund 500 auf etwa 130.

Mönche, Pilger und Touristen

Auch Sergej Grigorjews eigene Wohnung liegt im Wintergasthof. Dort halten noch immer einige Leute aus, auch die Händler vom Hafen. Noch, denn nach einem Brand am 1. Mai ist ihre Zukunft im Wintergasthof noch fraglicher geworden. Im südlichen Flügel des Baus sind viele Fensteröffnungen rußgeschwärzt. Grigorjew führt durch seine kleine Wohnung. Sie liegt im Nordflügel, der nicht durch Feuer oder Löscharbeiten beschädigt wurde. Strom und Wasser sind seit dem Brand dennoch abgestellt. Angeblich aus Sicherheitsgründen, trotz Kritik durch Kareliens Menschenrechtsbeauftragten.

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