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Moskau und Ankara rücken näher : Atomkraftwerk, Gasleitung und ein Krieg

Wer nimmt sich was in Syrien? Rohani, Putin und Erdogan am Mittwoch in Ankara Bild: EPA

Putin und Erdogan demonstrieren in Ankara Einigkeit. Sie wollen auch in Zukunft kooperieren – nicht nur auf dem Schlachtfeld.

          4 Min.

          Ein Atomkraftwerk, ein Luftabwehrsystem, eine Gasleitung, ein Krieg – und vielleicht sogar ein Frieden: Die Liste der russisch-türkischen Kooperationsvorhaben ist lang. Und sofern die Türkei nicht wieder ein russisches Kampfflugzeug abschießt wie im November 2015, werden einige der Vorhaben vielleicht sogar verwirklicht werden. Zur Erinnerung: Es ist noch nicht einmal drei Jahre her, da glitten die Beziehungen zwischen den beiden eurasischen Autokratien in eine mehrmonatige Eiszeit ab, nachdem die Türkei ein aus Syrien kurzzeitig in ihren Luftraum eingedrungenes russisches Kampfflugzeug abgeschossen hatte.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Gegenseitige Sanktionen, welche die Türkei nicht zuletzt durch das von Moskau staatlich erzwungene Ausbleiben russischer Touristen deutlich härter trafen als Russland, waren die Folge. Tauwetter setzte erst ein, als sich Erdogan im Juni 2016 zu einem für seine Verhältnisse ungewöhnlichen Schritt entschlossen hatte: Er kroch gleichsam zu Kreuze, entschuldigte sich schriftlich bei seinem russischen Gegenpart Wladimir Putin für den Vorfall und gelobte Besserung.

          Einigkeit an fast allen Fronten

          Seither hat sich die russisch-türkische Interessengemeinschaft überraschend rasch konsolidiert. Das deutete sich am Tag vor dem Gipfeltreffen am Mittwoch in Ankara an, bei dem Erdogan, Putin und der iranische Präsident Hassan Rohani ihre Ansprüche im Syrien-Krieg anmelden. Putin war schon am Vortag zu Gesprächen mit Erdogan in Ankara zusammengetroffen. Danach demonstrierten die beiden Staatschefs Einigkeit an fast allen Fronten. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand die Nachricht über den Beginn des Vorhabens zum Bau des ersten türkischen Atomkraftwerks, das mit russischer Technik in der Mittelmeerprovinz Mersin im Süden des Landes entstehen soll. Als Idee existiert das Projekt schon seit fast einem Jahrzehnt, in dem es stets der Konjunktur der russisch-türkischen Beziehungen unterworfen war, zwischenzeitlich also auch schon für gescheitert erklärt wurde.

          Glaubt man den Erklärungen Erdogans und Putins, soll nun aber nichts mehr dazwischenkommen. Erdogan teilte in Ankara mit, dass türkische Atomkraftwerk bei dem Ort Akkuyu werde, wenn 2023 alle vier Reaktoren einsatzbereit sind, ein Zehntel des wachsenden Strombedarfs der Türkei decken. In Ankara wird hervorgehoben, auf diese Weise solle auch die türkische Abhängigkeit von Öl und (russischem) Gas gemindert werden. Allerdings verfolgen beide Staaten parallel zu ihren Atomplänen auch das Projekt „Turkish Stream“, das den Bau einer Erdgasleitung von der russischen an die türkische Küste unter dem Schwarzen Meer hindurch vorsieht.

          Putin, der sich auf seiner ersten Auslandsreise nach seiner Wiederwahl im März befand, erhob das geplante Atomkraftwerk zu einem Symbol der türkisch-russischen Freundschaft. Er betonte auch, dass man an die 350 türkischen Firmen und Zulieferer an dem Vorhaben beteiligen werde. Berat Albayrak, der türkischer Energieminister, vor allem aber Erdogans Schwiegersohn und nach Ansicht mancher schon deshalb auch dessen möglicher Nachfolger im höchsten Staatsamt ist, versicherte den Türken, dass in dem Kraftwerk nur modernste Technik verwendet werde, um die höchstmögliche Reaktorsicherheit zu gewährleisten. Er erwähnte auch, dass die veranschlagten Baukosten von umgerechnet mehr als 16 Milliarden Euro das Projekt zum teuersten in der Geschichte machten. Die Türkei habe aber darauf geachtet, dass es zu einem Technologietransfer komme. So habe man im Rahmen des Akkuyu-Projekts knapp 250 Studierende nach Russland entsandt, um eine Generation von türkischen Nuklearfachleuten zu fördern. Ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf.

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