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Moskaus Reaktion : Von Rowdys und anderen Piloten

„Dolchstoß in den Rücken“: Putin nach dem Treffen mit dem jordanischen König Abdullah II. in Sotschi Bild: AFP

Nach dem Abschuss des russischen Kampfflugzeugs schiebt Putin die alleinige Verantwortung Ankara zu. Die Nato hat andere Erkenntnisse und ruft zu „Ruhe und Deeskalation auf“.

          Russlands Führung feiert ihr Militär und seine Erfolge. Ganz besonders die der kühnen, der tollkühnen Piloten. Erst am Montag lobte Präsident Wladimir Putin, der in Teheran zu Besuch war, den Einsatz der Piloten im „Kampf gegen den Terrorismus“ in Syrien. Das Staatsfernsehen zeigt täglich Bilder der nahe Latakia startenden und landenden Maschinen und lobt angebliche Fortschritte an der Front. Ohne Abstriche. Schon als im vergangenen Jahr immer wieder Nato-Staaten über gefährliche Manöver russischer Kampfflugzeuge klagten, reagierte man darauf entweder gar nicht oder mit der Versicherung, alles habe seine Richtigkeit, man bewege sich im internationalen Luftraum. Putin lobt auch riskante Aktionen: Im vergangenen Jahr flog eine russische Su-24 im Schwarzen Meer Manöver um den amerikanischen Zerstörer „Donald Cook“. Im Film „Krim. Weg in die Heimat“ sprach Putin dann davon, die Piloten hätten sich seinerzeit „wie Rowdys benommen“. Das war als Kompliment gemeint. Andernorts gilt das als Provokation.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Wagemut respektive Provokation gehören auch im Syrien-Einsatz zum täglichen Geschäft der russischen Piloten. Bevor die Türkei am 16. Oktober eine vermutlich russische Drohne abschoss – was Moskau dementierte –, hatte sich Ankara schon mehrfach über Luftraumverletzungen beschwert. Nach einem weiteren Vorfall mit einem russischen Kampfflugzeug teilte Moskau Anfang November mit, der Pilot habe ein Manöver fliegen müssen, weil er von einem Luftabwehrsystem erfasst worden sei. Das Flugzeug sei dann ein Stückchen in den türkischen Luftraum eingedrungen, „das haben wir ehrlich zugegeben“.

          Vorfall sei „sehr ernst“

          Am Dienstag, nach dem Abschuss des Su-24 Kampfflugzeugs, gab es nichts kleinzureden. Im Gegenteil. „Sehr ernst“ sei der Vorfall, sagte Putins Sprecher Dmitrij Peskow. Da hatte das Verteidigungsministerium schon Schuldigen gefunden: die Türkei. Es beteuerte, das Flugzeug sei auf syrischer Seite abgestürzt und zuvor in einer Höhe von sechs Kilometern „die ganze Zeit über syrischem Gebiet“ geflogen. Soll heißen: ganz legal und legitim, weil mit Plazet des Assad-Regimes.

          Das setzte den Rahmen für einen zornigen Auftritt Putins an der Seite des jordanischen Königs Abdullah II., den er am Dienstagnachmittag in Sotschi traf. Putin sprach von einem „Stöße in den Rücken“ Russlands durch „Komplizen der Terroristen“ und kündigte „ernste Konsequenzen für die türkisch-russischen Beziehungen“ an. Er beklagte, dass sich die Türkei an die Nato gewandt habe, „als hätten wir ihr Flugzeug abgeschossen und nicht sie unseres“. Rhetorisch fragte der Präsident: „Wollen sie die Nato in den Dienst vom IS stellen?“ Eine „türkische F-16“ habe das Flugzeug mit einer Luft-Luft-Rakete abgeschossen, es habe sich einen Kilometer von der Grenze der Türkei befunden, sagte Putin. „Unsere Piloten und unser Flugzeug“ hätten die Türkei nicht bedroht, sondern eine Operation „gegen den IS“ geflogen. In der fraglichen Gegend seien vor allem IS-Kämpfer aus Russland aktiv, somit seien die Piloten „präventiv“ gegen Leute vorgegangen, die Russlands Sicherheit bedrohten, behauptete der Präsident. Er warf der Türkei – in der man die Ziele unter der turkmenischen Bevölkerung der Gegend sah – auch vor, dass über ihr Staatsgebiet „bewaffnete Banden“ Einnahmen aus dem Ölgeschäft erzielten und beklagte neuerlich „Stöße in den Rücken“, und dass, „während wir mit unseren amerikanischen Partnern ein Abkommen unterzeichnet haben, um Zwischenfälle in der Luft zu vermeiden“.

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