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Umweltkatastrophe in Sibirien : „Sind Sie noch ganz richtig im Kopf?“

Künstliche Barriere: Das russische Militär versucht die 20.000 Tonnen Diesel im Fluss zu stoppen. Bild: AFP

Nach der Umweltkatastrophe in Sibirien kritisiert Russlands Präsident Putin die Verantwortlichen heftig und nutzt den Moment, um sich als obersten Umweltschützer darzustellen.

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          Eine Woche, nachdem 20.000 Tonnen Diesel aus dem lecken Tank eines Wärmekraftwerks im sibirischen Norilsk gelaufen waren, hat der russische Ministerpräsident Michail Mischustin den Ökologen zum Tag der Umwelt am Freitag gratuliert: „Ökologisches Denken“ sei nicht nur ein „Symbol für Fortschritt“, sondern müsse auch „ein Lebensprinzip für uns alle sein“, heißt es in seinem Gratulationsschreiben auf der Internetseite der russischen Regierung. Von der Umweltkatastrophe in Norilsk kein Wort.

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          Dort konnte die Ausbreitung des ausgelaufenen Diesels laut den Behörden am Freitag zwar gestoppt werden, doch Umweltschützer vergleichen die Ausmaße des Vorfalls mit der Havarie des Öltankers „Exxon Valdez“ im Jahr 1989. Damals flossen vor Alaska 40.000 Tonnen Erdöl ins Meer und verschmutzten die weitgehend unberührte Küstenlandschaft. Die Folgen sind bis heute zu spüren.

          „Sind Sie noch ganz richtig im Kopf?“

          Es ist aber nur langsam an die Öffentlichkeit gelangt und auch der russischen Regierung bewusst geworden, wie schwerwiegend der Unfall im Norilsker Kraftwerk der Firma NTEK, einem Tochterunternehmen des russischen Konzerns Nornickel, ist. Umso deutlicher wurde Präsident Wladimir Putin, als er am Mittwoch den regionalen Notstand zu einem nationalen hochstufte und in einer Videokonferenz den Gebietsgouverneur und die Führung des Unternehmens vor laufender Kamera heftig kritisierte. „Wieso wussten die Behörden erst zwei Tage später davon? Sollten wir aus den sozialen Medien von diesem Vorfall erfahren? Sind Sie noch ganz richtig im Kopf?“

          Von Nornickel, dem weltgrößten Produzenten von Nickel, Palladium und Platin, hatte es geheißen, man habe „rechtzeitig und korrekt“ über den Vorfall berichtet. Der größte Anteilseigner des Unternehmens ist Wladimir Potanin – laut dem Magazin „Forbes“ in diesem Jahr abermals der reichste Mann Russlands. Sein Vermögen wird auf knapp 20 Milliarden Dollar geschätzt. Potanin selbst hatte sich in der ersten Woche nach der Umweltkatastrophe nicht zu Wort gemeldet; ein russischer Abgeordneter hatte gefordert, ihn aus dem Unternehmen zu drängen. Dies hat Putins Sprecher Dmitrij Peskow am Freitag jedoch vor Journalisten zurückgewiesen: Er habe keine Spekulationen über eine mögliche Verstaatlichung von Nornickel gehört, es gebe nichts zu kommentieren.

          Wenig später äußerte sich dann auch Potanin persönlich zu dem Vorfall in Norilsk. Bei einem Video-Treffen mit Putin versprach er, die Folgen der Umweltverschmutzung vollständig zu beseitigen – auf Kosten des Unternehmens. „Kein einziger Rubel an Haushaltsmitteln wird dafür aufgewendet werden müssen“, sagte Potanin. Man werde nicht die billigsten, sondern die besten Lösungen finden und etwa zehn Milliarden Rubel benötigen, umgerechnet etwa 130 Millionen Euro; zur Beseitigung der Schäden in Alaska mussten mehrere Milliarden Dollar aufgewendet werden. Michail Prochorow, ehemaliger Miteigentümer bei Nornickel, sprang seinem früheren Geschäftspartner sogleich bei. Potanin sei ein „effektiver Krisenmanager“. „Grundlose Forderungen nach der Verstaatlichung des größten privaten Unternehmens, die den Ruf eines Geschäftsmanns schädigen“ bildeten einen „gefährlichen Präzedenzfall“, sagte Prochorow.

          Der Permafrost-Boden taut

          Das Unglück am Kraftwerk in Norilsk ereignete sich, weil ein Pfeiler eines Dieseltanks absackte. Die Stadt Norilsk, die mit rund 175.000 Einwohnern die nördlichste Großstadt der Welt ist, steht auf Permafrostgebiet. Der Klimawandel stellt für sie deshalb eine besondere Herausforderung dar: Durch die steigenden Temperaturen erwärmt sich der Boden, Fundamente sacken ab. Die Pfeiler des Tanks hätten diesen jedoch „seit dreißig Jahren ohne Probleme“ gestützt, ließ das Unternehmen nach dem Unglück verlauten. Medienberichte sprechen von 25 Grad am Tag des Unfalls.

          Auf der Internetseite des Katastrophenschutzes der Region findet sich eine Meldung von Freitag, dem 29. Mai, in dem von einem Vorfall um 12.45 Uhr die Rede ist. Es habe einen „Druckabfall“ bei einem Dieseltank gegeben; ein Auto sei in die ausgelaufene Flüssigkeit gefahren und daraufhin in Brand geraten. „Um 14.43 Uhr war das Feuer gelöscht.“ Auf das massenweise Auslaufen von Diesel gibt es auf der Website keine Hinweise.

          Satellitenbilder zeigen das Ausmaß der Umweltkatastrophe.

          Putin kann sich angesichts dieser Umstände mit seiner heftigen Kritik an den regionalen Behörden als entschlossen eingreifender Präsident präsentieren. Bilder des Katastrophenschutzministeriums vom Freitag zeigen den Besuch des zuständigen Ministers Jewgenij Sinitschew, der in das provisorische Camp der Helfer in Norilsk geeilt ist. Und bei der Videokonferenz zum Tag der Umwelt bekräftigte Putin sogleich sein Interesse am Umwelt- und Naturschutz: Er rief die Regionen dazu auf, enger mit örtlichen Naturschutzorganisationen zusammenzuarbeiten und trug der Umweltbehörde Rosprirodnadsor auf, alle Standorte zu überprüfen, an denen Öl gelagert werde.

           

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