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Putin in Dresden : Eine Nacht mit dem heiligen Georg

Operettenpolitik: Stanislaw Tillich (rechts) überreicht Wladimir Putin in Dresden den „Dankesorden” Bild: dpa

Wladimir Putin, Dresdens größter Adoptivsohn, erhielt in der Semperoper einen „Dankesorden“ für den sächsisch-russischen Kulturaustausch. Und erklärte in seiner liebsten deutschen Stadt die „absolut gerechte“ Position Russlands im Gasstreit.

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          Die Dresdner lieben ihre Oper. Und daher auch den Opernball. Das kann man etwa daran sehen, dass Tausende in Eiseskälte vor dem noch zu DDR-Zeiten wiedererrichteten Semperbau verfolgen, was drinnen in den wohltemperierten und -kapitalisierten Hallen vor sich geht.

          Die Dresdner lieben aber auch ihren Putin. Jedenfalls reden nicht wenige so. Einer glaubt gar, Putin sei ein großer Sohn des Landes, in der sowjetischen Garnison zu Freiberg geboren, „der erste Sachse, der russischer Präsident wurde“. Das ist zwar nicht verbürgt, Putins Lebenslauf nennt Leningrad als Vaterstadt. Doch gibt es eine Reihe von Indizien, dass Putin wenigstens der größte Adoptivsohn Dresdens ist.

          Verdienste um den sächsisch-russischen Kulturaustausch

          Der vorerst letzte Akt dieser merkwürdigen Wahlverwandtschaft ist die Verleihung eines „Dankesordens“ an den ehemaligen KGB-Residenten auf ebenjenem Opernball in der Nacht zum Samstag – für die Bemühungen Putins um den sächsisch-russischen Kulturaustausch, wie es in der Laudatio heißt. Der war bis 1955, als die Sowjetunion einen Teil der nach dem Krieg auch aus Dresden geraubten Kunst- und Gemäldesammlungen an den jungen Warschauer-Pakt-Verbündeten DDR zurückgab, von ziemlicher Einseitigkeit geprägt; allerdings kam Putin erst 1952 zur Welt und nur viele Jahre später an die Macht. Trotz seiner Zuneigung zu Deutschland bewegt sich in den Beutekunstverhandlungen aber schon lange nichts mehr.

          Doch sei dem damaligen russischen Präsidenten die Rückgabe dreier alter Meister an Dresden im Jahre 2001 zu verdanken, sagt der Laudator Putins, der sächsische Ministerpräsident Tillich, der das Schmuckstück an den Gast aus Russland überreicht, unter den gestrengen Augen seines Vorgängers Milbradt im ersten Rang. Die einer Pretiose aus dem Grünen Gewölbe nachempfundene Auszeichnung ist, obwohl den heiligen Georg zeigend und aus achtzehnkarätigem Gold gefertigt, zwar nur eine Stiftung des Ballvereins. Doch heißt es selbst im Mitteldeutschen Rundfunk, Putin bekomme den sächsischen Dankesorden.

          Moskaus Wille gilt noch was an der Elbe

          Aufgeregt hat das nur wenige, den ehemaligen Bürgerrechtler Schulz etwa. Da spiele eine „Blockflöte für einen Tschekisten“ schimpft er, in Erinnerung rufend, dass Tillich eben zu jener späten DDR-Zeit, als Putin noch persönlich über Dresden wachte, in die Ost-CDU und eine Kreisverwaltung eingetreten war. Tillich hat sich schon wegen seiner zurückgekehrten Erinnerung, die im Westen manchen mehr empörte als der Eintritt des ehemaligen Bundeskanzlers Schröder in russische Dienste, nicht darum gerissen, mit Putin und dem heiligen Georg, der nicht nur Moskaus Wappen ziert, sondern auch Georgiens Schutzheiliger ist, auf ein Foto zu kommen.

          Doch der Kreml hat aus protokollarischen Gründen darauf bestanden. Und Moskaus Wille gilt noch etwas an der Elbe. Was der KGB-Offizier Putin von 1985 bis 1990 in Dresden genau tat, blieb übrigens anders als im Falle Tillichs weitgehend im Dunkeln. Angeblich soll Putin am Ende mit grimmiger Mine und bewaffneter Begleitung die KGB-Residentur vor dem Schicksal des Stasi-Sitzes bewahrt haben, den die Sachsen stürmten. Doch klingt auch das schon wieder ein bisschen nach Heldenverehrung.

          Selbst Freunde können sein ramponiertes Image nicht mehr ignorieren

          Sollte es die außerordentliche Zuneigung der Dresdner gewesen sein, die jetzt Putins hartes Herz nur eine Nacht später in den Verhandlungen mit der ukrainischen Regierungschefin Timoschenko erweichte wie zweihundert Jahre zuvor beinahe der Charme der preußischen Königin Luise Napoleon? In der Dresdner Operettennacht ist davon noch nichts spüren. Dort nimmt Putin nicht nur die Huldigung seiner früheren Schutzbefohlenen entgegen, sondern kämpft auch wieder an der unsichtbaren Front, diesmal allerdings an jener der öffentlichen Meinung. Russland hat zwar nach wie vor viele Freunde in der deutschen Wirtschaft und Politik, doch können auch diese das von Georgien-Krieg und Gaskrise ramponierte Ansehen Moskaus so wenig ignorieren wie der Kreml inzwischen selbst.

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