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Putin im Fernsehen : Der Zar und seine Höflinge

Russlands Präsident Wladimir Putin posiert zusammen mit Freiwilligen nach der Sendung „Der direkte Draht“ am 7. Juni im Moskauer Gostiny Dvor Studio. Bild: EPA

In der Sendung „Direkter Draht“ heilt Russlands Präsident einmal jährlich, was er im Allgemeinen nicht hinbekommt. Das macht die Sendung zum Stresstest für den Apparat.

          Mehr als vier Stunden saß Präsident Wladimir Putin schon bei seinen Staatsfernsehleuten, hatte Bitten und Sorgen aus Russland und der Ukraine, von der Krim und aus dem Donbass, angehört. Da wurde er gefragt, ob es nicht „einsam auf dem politischen Olymp“ sei. Nein, dank seines „effektiven Teams von Profis und Gleichgesinnte“, antwortete er.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          In der Sendung „Direkter Draht“ heilt Putin einmal jährlich im Einzelfall, was er im Allgemeinen nicht hinbekommt. So würden es die Beteiligten und das Staatsfernsehen freilich nie sagen: Schuld an schlechten Straßen, Wohnungen, Krankenhäusern hat nicht der Mann an der Spitze der „Machtvertikale“, der sehr beschäftigt ist. Sondern Untergebene – die Putin rüffelt, ermahnt, entlässt. Aus Sicht der Bevölkerung gibt die moderne Version des Zaren, der Höflinge zurechtweist, Hoffnung, auf dem Expressweg Gehör zu finden. Das macht die Sendung zum Stresstest für den Apparat.

          Ausgenommen sind jene Weggefährten Putins, die dank Staatsaufträgen reich sind. Davon schweigt der „Direkte Draht“. Vertraut waren auch die Rekordmeldungen, die Moderatoren, von denen einer im Frühjahr als Sprecher von Putins Wiederwahlkampagne Huldigungsfilme veröffentlichte, und natürlich Putin selbst. Die 16. Ausgabe der Sendung in Putins 18 Jahren an der Macht (Aussetzer: die Jahre 2004 und 2012) bot aber auch Neues: keine Zuschauer im Saal und Direktzuschaltung von Ministern und Gouverneuren zum Rapport.

          Die ersten Bitten betrafen den Benzinpreis, der jüngst um bis zu acht Prozent gestiegen ist. Putin erklärte das mit stärkerem Export, versprach Regierungsbemühungen. Unerwähnt blieb, dass der Staat wesentliche Treibstoffanbieter kontrolliert: Putin hätte anstelle von Ministern die Chefs von Rosneft und Gasprom instruieren können. Es dauerte drei Stunden und 20 Minuten, bis die Rede auf seit Monaten währende, verzweifelte Proteste gegen Mülldeponien kam, deren Anwohner teils über Gasaustritte und Vergiftungserscheinungen klagen. Putin lobte japanische Müllverbrennungsanlagen: Diesen Weg gelte es zu beschreiten.

          Eine Frage betraf „unendliche Anschuldigungen“ aus dem Westen an Russland, ohne Beispiele zu nennen. Putin antwortete, Vorwürfe und Sanktionen sollten Russland eindämmen, weil man als Konkurrent gesehen werde. Später spielte etwa das Staatsdoping eine Rolle: Putin sagte, er habe den verantwortlichen Sportminister, Witalij Mutko, wegen der „Attacken“ aus dem Ausland „unmöglich in Rente schicken“ können. Mutko, seit kurzem ein für Bau und regionale Entwicklung zuständiger stellvertretender Ministerpräsident, solle sein „gutes Potential“ weiter entfalten.

          Putins Rat: „Nicht lügen“

          Angeblich aus einer von Moskaus „Volksrepubliken“ in der Ostukraine wurde ein Russe zugeschaltet. Daraufhin warnte Putin Kiew vor „Provokationen“ während der Fußball-WM: Das werde „sehr schwere Folgen für die ukrainische Staatlichkeit insgesamt“ haben. Ukrainische Kriegsflüchtlinge in Südwestrussland baten um Erleichterungen bei Arbeitserlaubnis und Staatsangehörigkeit. Putin äußerte sich überrascht, dass es noch Probleme gebe. Tatsächlich gab es schon 2014 Versprechen. Ein Moderator fragte, ob erwogen werde, den in russischer Lagerhaft sitzenden ukrainischen Regisseur Oleg Senzow, der seit dreieinhalb Wochen im Hungerstreik ist, gegen den vor kurzem in der Ukraine inhaftierten Mitarbeiter der russischen Staatsnachrichtenagentur Ria, Kirill Wyschinskij, auszutauschen. Putin sagte, er hoffe, dass der Ria-Mann dank internationalen Drucks auf Kiew freikomme. Den Syrien-Einsatz verteidigte er als Gelegenheit, Waffen zu testen, das Militär zu trainieren und Terroristen zu töten.

          Vor einem Jahr hatte es eine Krebskranke aus dem nordwestlichen Murmansker Gebiet in den „Direkten Draht“ geschafft, wurde dann in Moskau behandelt, starb aber. Jetzt mied man Kranke. Eine angehende Ärztin berichtete über nicht genug Medikamente und Behandlungszentren. Putin warb für eine bessere Früherkennung, die Gesundheitsministerin sagte, er habe „absolut recht“. Nach fast viereinhalb Stunden war Schluss. Länger dauerte es zuletzt nur 2013, dem Rekordjahr. Befragt, was er seinen Enkeln raten würde, sagte Putin: „Nicht lügen.“

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