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„Oldschool Society“ : Eine Terrorzelle mit eigenem Pressesprecher

Auf der Anklagebank: Die vier Mitglieder der „Oldschool Society“ beim Prozessauftakt im April 2016 vor dem Oberlandesgericht München Bild: dpa

Die Mitglieder der „Oldschool Society“ wollten einen Nagelbombenanschlag auf ein Asylbewerberheim verüben – doch ihre Telefonate wurden belauscht. Der Prozess gibt Einblicke in die Pläne der Gruppe.

          Die Sprengkörper trugen Namen wie „La Bomba“, „Cobra 6“ und „Cobra 11“. Im Internet gibt es Videos, die ihre Wirkung zeigen sollen. Da wird ein Geschirrspüler zerfetzt, ein Briefkasten auch, dicke Rauchschwaden steigen auf. Die drei Mitglieder der „Oldschool Society“ (OSS) hatten die Sprengkörper gerade in der Tschechischen Republik gekauft, da diskutierten sie am Telefon, wie man noch mehr Schaden mit ihnen anrichten könnte. Es ging um Brennstoff und um Nägel. Doch die Sicherheitsbehörden hörten mit. In ihrer Anklageschrift zitiert die Bundesanwaltschaft aus dem Telefonat.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Markus W. soll gesagt haben: „…deswegen habe ich schon gedacht, hier, so ein Cobra 11, hier, weißt du, hier Dachpappenstifte draufmachen mit Sekundenkleber ringsrum, draufkleben und dann so ein Ding im Asyl… so ein Ding im Asylcenter, im Asylheim so, weißt du, Fenster eingeschmissen und dann das Ding hinterhergejagt“. Andreas H. erwiderte: „Tät mir schon gefallen, wär schon so nach meinem Geschmack“. Und Denise G. merkte an, dass man bei dieser Sprengkraft dann aber auch die Zündschnur verlängern müsse. Ein Ziel soll die Gruppe nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft für ihren Anschlag auch schon gehabt haben: Eine Asylbewerberunterkunft bei Borna in Sachsen.

          Doch dazu kam es nicht mehr. Nur wenige Tage nach dem Telefonat schlugen die Sicherheitskräfte zu. Am 6. Mai 2015 durchsuchten 250 Polizisten in Bayern, Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern Wohnungen und nahmen vier mutmaßliche Mitglieder der OSS fest. Gefunden wurden Gas- und Schreckschusswaffen, Schlagringe - sowie Sprengkörper und Nägel.

          Gegen vier mutmaßliche Mitglieder der OSS wird seit Mittwoch vor dem Oberlandesgericht in München verhandelt. Die Bundesanwaltschaft wirft den Angeklagten die Bildung einer terroristischen Vereinigung und die Vorbereitung eines Anschlags mit Sprengstoff auf ein Flüchtlingsheim vor. Dabei habe die OSS „die Tötung von Menschen zumindest billigend in Kauf genommen“, sagte Oberstaatsanwalt Jörn Hauschild am Mittwoch.

          Neben den drei Teilnehmern des Telefonats ist in München zudem noch Olaf O. angeklagt. Die vier sollen den Führungskreis der OSS gebildet haben, den „Geheimrat“. Beim Prozessauftakt in München mussten sie sich aber zunächst nicht weiter zu ihren Verbindungen in die rechtsextreme Szene oder die mutmaßlichen Tatplanungen äußern. Nach der Anklageerhebung fragte das Gericht nach dem persönlichen Werdegang der Angeklagten. Die Verteidigung von Andreas H. hatte zuvor schon geäußert, dass es keine konkreten Pläne für einen Anschlag zum Zeitpunkt der Festnahme gegeben habe. Oberstaatsanwalt Hauschild sagte, einer der Angeklagten habe nach der Festnahme umfassende Angaben gemacht, die anderen hätten nichts gesagt.

          Wut gegen Ausländer, gegen Muslime, gegen die Politik

          Die Mitglieder der mutmaßlichen Terrorzelle fanden bis Anfang 2014 über das Internet zueinander. Im August 2014 gründeten sie dann über den Kurznachrichtendienst Whatsapp eine Gesprächsgruppe mit dem Namen „Oldschool Society“, wechselten kurz danach aber zu einem anderen Anbieter, um „einem staatlichen Zugriff vorzubeugen“, wie die Bundesanwaltschaft schreibt. Aber sie tauchten nicht einfach in der Anonymität ab. Stattdessen eröffneten sie eine „Facebook“-Seite, darauf das Logo der OSS: Ein Schädel, eingerahmt von zwei blutigen Fleischerbeilen.

          Es ging um die Selbstdarstellung, neue Mitglieder sollten geworben werden. Alles wurde ganz genau geregelt: Es gab eine Satzung, Mitgliedsbeiträge, einen Präsidenten (laut Anklageschrift Andreas H), einen Vize-Präsidenten (Markus W.), eine Kassenwärtin (Denise G.) und einen Pressesprecher (Olaf O.). Mehr als ein Dutzend Personen sollen Mitglied gewesen sein. Es war offensichtlich, gegen wen sich ihre Wut richtete: Gegen Ausländer, gegen Muslime, gegen die Politik. Bevor die Facebook-Seite gesperrt wurde, hatten mehr als 3000 Menschen „Gefällt mir“ angeklickt.

          Früh wurden die Sicherheitsbehörden auf die Gruppe aufmerksam, schon bevor die Facebookseite im September 2014 eröffnet wurde. Über Monate sollen die Telefone der Gruppe abgehört worden sein, der Schriftverkehr wurde überwacht, auch Observationen soll es gegeben haben. Das „ganze nachrichtendienstliche Repertoire kam zum Einsatz“, heißt es aus Sicherheitskreisen. So konnten die Dienste genau nachvollziehen, wie sich unter der Facebook-Oberfläche, in geschlossenen Chatgruppen, die Radikalisierung der Gruppe vollzog.

          Sprengkörper aus dem Asia-Markt

          Wie die mutmaßliche Terrorzelle entstand. Im November 2014 traf sich der OSS zum ersten Mal. Bei reichlich Alkohol wurde in einer Kleingartenanlage im sächsischen Frohburg über den „bewaffneten Kampf gegen Salafisten“ gesprochen, das „gewaltsame Vorgehen gegen Asylanten“. Es ging laut Anklageschrift auch um die Frage, „wer bereit wäre, auch in den Knast zu gehen für irgendwelche Taten“.

          Vor allem die Angeklagten Markus W., 30 Jahre alt und in Nordrhein-Westfalen schon länger den Sicherheitsbehörden bekannt, und Andreas H., ein 57 Jahre alter Malermeister, der sich im Internet mit Waffen und Patronengürtel inszenierte, sollen nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft die Radikalisierung der Gruppe befördert haben, bis sich im Frühjahr die Pläne für einen ersten Anschlag konkretisierten. Vom 8. bis zum 10. Mai war das zweite Treffen der Gruppe geplant.

          Markus W. soll die Mitglieder dazu aufgerufen haben, für „eine eventuell stattfindende Aktion“, neutrale schwarze Kleidung zu tragen. Am 1. Mai fuhr er mit Denise G. in die Tschechische Republik, um auf einem Asia-Markt die Sprengkörper zu kaufen. Gezündet wurden sie nicht, sie tragen jetzt Asservatennummern.

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