https://www.faz.net/-gpf-b22

Prozess gegen Strauss-Kahn : Staatsanwalt in Bedrängnis

Cyrus Vance Jr., Chefankläger des Bezirksgerichts von New York Bild: AFP

Sollte die Anklage gegen Strauss-Kahn wegen zunehmender Unglaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zusammenbrechen, nähme auch der Chefankläger beträchtlichen politischen Schaden: Cyrus Vance Jr.

          2 Min.

          Jetzt geht es plötzlich für ihn ums politische Überleben: Cyrus Vance Jr., Chefankläger des Bezirksgerichts von New York, steht nach der offenkundigen Wende im Verfahren gegen den früheren französischen Finanzminister und einstigen IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn selbst fast schon als Angeklagter da. Hat er sich leichtgläubig auf die Aussagen eines Zimmermädchens verlassen, das womöglich mit Drogenhändlern und Geldwäschern in Verbindung stand?

          Matthias Rüb
          (rüb.), Politik

          In den Vereinigten Staaten werden viele wichtige Posten an Gerichten durch Wählervotum bestimmt. Prinzipiell soll bei der Besetzung von Richter- und Anklägerposten die Parteizugehörigkeit zwar keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Doch in Wahrheit folgen Entscheidungen über hohe Ämter im Justizwesen und in wichtigen Prozessen – zumal am Obersten Gericht – ganz und gar politischen Interessen.

          Nur noch Formsache

          Als Cyrus Vance Jr., der am 14. Juni 1954 in New York geboren wurde, im März 2009 seine Kandidatur für den wichtigen Posten des Bezirksstaatsanwalts von New York bekanntgab, wusste er den mächtigen Parteiapparat der Demokraten sogleich hinter sich. Schließlich ist er der Sohn von Cyrus Vance Sr., der 2002 im Alter von 84 Jahren starb und schon unter den demokratischen Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson wichtige Posten im Pentagon besetzt hatte, ehe er von 1977 bis 1980 unter Jimmy Carter als Außenminister diente. In den innerparteilichen Vorwahlen der Demokraten setzte sich Cyrus Vance Jr., der in Yale und an der Georgetown-Universität in Washington Jura studiert hatte, im September 2009 gegen einige bedeutende Konkurrenten aus der eigenen Partei durch. Die eigentlichen Wahlen vom November 2009 waren dann nur noch Formsache: Vance wurde mit 91 Prozent der Stimmen für eine vierjährige Amtsperiode gewählt und trat am 1. Januar 2010 sein Amt an.

          Der Prozess gegen den französischen Politiker ist der bisher bedeutendste Fall für Bezirksstaatsanwalt Vance und sein Team. Sollte die Anklage gegen Strauss-Kahn nun unter der Last der zunehmenden Unglaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zusammenbrechen, nähme auch Chefstaatsanwalt Vance beträchtlichen politischen Schaden. Er hatte sich stets als jemanden dargestellt, der den „kleinen Leuten“ beisteht, den Benachteiligten und Ausgegrenzten zu ihrem Recht verhelft – gerade wenn diese sich gegen die Anmaßungen mächtiger Institutionen oder Männer ausgesetzt sehen.

          Ein möglicher Herausforderer von Vance würde in den Vorwahlen der Demokraten im Sommer 2013 gewiss an das Fiasko in der Weltöffentlichtkeit erinnern. Dass der Prozess gegen Strauss-Kahn nicht in einem Freispruch erster Klasse für den mächtigen Franzosen endet, liegt nicht nur im Interesse des Zimmermädchens vom Hotel „Sofitel“. Ihre Hoffnung muss die 32 Jahre alte Frau aus Guinea jetzt vor allem an den Umstand knüpfen, dass Chefstaatsanwalt Vance um seine eigene Zukunft ebenso energisch kämpfen wird wie um einen Schuldspruch im Fall 1225782 „Das Volk gegen Strauss-Kahn“.

          Weitere Themen

          Die Angst vor der Vertreibung

          Unruhen in Ostjerusalem : Die Angst vor der Vertreibung

          In Jerusalem gärt es seit Wochen. Die mögliche Enteignung von Palästinensern hat jetzt zu den schwersten Auseinandersetzungen seit Jahren beigetragen. Selbst Washington ermahnt die Netanjahu-Regierung.

          Vom Alarmzustand zur Strandparty

          Lockerungen in Spanien : Vom Alarmzustand zur Strandparty

          In Spanien ist der Alarmzustand aufgehoben worden. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr dürfen die Menschen sich wieder weitgehend frei bewegen. Aber nicht in allen Regionen. Es droht ein juristisches Chaos.

          Topmeldungen

          Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, verfolgt die Rede Boris Palmers beim digitalen Landesparteitag der Grünen.

          Ausschlussverfahren der Grünen : Belastet der Fall Palmer Baerbocks Wahlkampf?

          Die Grünen wollen den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ausschließen. Der sieht dem Verfahren optimistisch entgegen. „Es ist gut und reinigend, wenn jetzt die ganze Palette an Vorwürfen einmal aufgearbeitet wird“, sagt er der F.A.Z.
          Israelische Sicherheitskräfte während einer Demonstration gegen den geplanten Räumungsprozess im Stadtteil Scheich Jarrah am 8. Mai

          Unruhen in Ostjerusalem : Die Angst vor der Vertreibung

          In Jerusalem gärt es seit Wochen. Die mögliche Enteignung von Palästinensern hat jetzt zu den schwersten Auseinandersetzungen seit Jahren beigetragen. Selbst Washington ermahnt die Netanjahu-Regierung.
          FDP-Chef Christian Lindner im Mai 2021

          „Investitionspakt“ : FDP plant massive Steuersenkungen für die Wirtschaft

          In einem Positionspapier plant der Vorstand der FDP-Fraktion, innerhalb von fünf Jahren 600 Milliarden Euro in der Privatwirtschaft zu mobilisieren. Parteichef Lindner betont den Modernisierungsschub, der mit den Entlastungen einhergehen soll.
          Bezahlbare Elektroautos: Sinkende Materialkosten und die zunehmende Nachfrage erklären die fallenden Preise. (Symbolbild)

          Neue Schätzungen : Elektroautos werden günstiger

          Vor allem der Preis ist eine große Hürde beim Kauf eines Elektroautos. Neue Berechnungen zeigen aber, dass der Aufschlag gegenüber Verbrennern in wenigen Jahren verschwinden könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.