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Prozess gegen Strauss-Kahn : Staatsanwalt in Bedrängnis

Cyrus Vance Jr., Chefankläger des Bezirksgerichts von New York Bild: AFP

Sollte die Anklage gegen Strauss-Kahn wegen zunehmender Unglaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zusammenbrechen, nähme auch der Chefankläger beträchtlichen politischen Schaden: Cyrus Vance Jr.

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          Jetzt geht es plötzlich für ihn ums politische Überleben: Cyrus Vance Jr., Chefankläger des Bezirksgerichts von New York, steht nach der offenkundigen Wende im Verfahren gegen den früheren französischen Finanzminister und einstigen IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn selbst fast schon als Angeklagter da. Hat er sich leichtgläubig auf die Aussagen eines Zimmermädchens verlassen, das womöglich mit Drogenhändlern und Geldwäschern in Verbindung stand?

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In den Vereinigten Staaten werden viele wichtige Posten an Gerichten durch Wählervotum bestimmt. Prinzipiell soll bei der Besetzung von Richter- und Anklägerposten die Parteizugehörigkeit zwar keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Doch in Wahrheit folgen Entscheidungen über hohe Ämter im Justizwesen und in wichtigen Prozessen – zumal am Obersten Gericht – ganz und gar politischen Interessen.

          Nur noch Formsache

          Als Cyrus Vance Jr., der am 14. Juni 1954 in New York geboren wurde, im März 2009 seine Kandidatur für den wichtigen Posten des Bezirksstaatsanwalts von New York bekanntgab, wusste er den mächtigen Parteiapparat der Demokraten sogleich hinter sich. Schließlich ist er der Sohn von Cyrus Vance Sr., der 2002 im Alter von 84 Jahren starb und schon unter den demokratischen Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson wichtige Posten im Pentagon besetzt hatte, ehe er von 1977 bis 1980 unter Jimmy Carter als Außenminister diente. In den innerparteilichen Vorwahlen der Demokraten setzte sich Cyrus Vance Jr., der in Yale und an der Georgetown-Universität in Washington Jura studiert hatte, im September 2009 gegen einige bedeutende Konkurrenten aus der eigenen Partei durch. Die eigentlichen Wahlen vom November 2009 waren dann nur noch Formsache: Vance wurde mit 91 Prozent der Stimmen für eine vierjährige Amtsperiode gewählt und trat am 1. Januar 2010 sein Amt an.

          Der Prozess gegen den französischen Politiker ist der bisher bedeutendste Fall für Bezirksstaatsanwalt Vance und sein Team. Sollte die Anklage gegen Strauss-Kahn nun unter der Last der zunehmenden Unglaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zusammenbrechen, nähme auch Chefstaatsanwalt Vance beträchtlichen politischen Schaden. Er hatte sich stets als jemanden dargestellt, der den „kleinen Leuten“ beisteht, den Benachteiligten und Ausgegrenzten zu ihrem Recht verhelft – gerade wenn diese sich gegen die Anmaßungen mächtiger Institutionen oder Männer ausgesetzt sehen.

          Ein möglicher Herausforderer von Vance würde in den Vorwahlen der Demokraten im Sommer 2013 gewiss an das Fiasko in der Weltöffentlichtkeit erinnern. Dass der Prozess gegen Strauss-Kahn nicht in einem Freispruch erster Klasse für den mächtigen Franzosen endet, liegt nicht nur im Interesse des Zimmermädchens vom Hotel „Sofitel“. Ihre Hoffnung muss die 32 Jahre alte Frau aus Guinea jetzt vor allem an den Umstand knüpfen, dass Chefstaatsanwalt Vance um seine eigene Zukunft ebenso energisch kämpfen wird wie um einen Schuldspruch im Fall 1225782 „Das Volk gegen Strauss-Kahn“.

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