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Prozess gegen Derek Chauvin : Der Geist von George Floyd

  • -Aktualisiert am

Immer wieder Polizeigewalt: Jesse Jackson und Al Sharpton mit den Familien von George Floyd und Daunte Wright in Minneapolis am 19. April Bild: AFP

Nach den Schlussplädoyers im Chauvin-Prozess in Minneapolis hoffen Bürgerrechtler auf eine harte Strafe für den Polizisten. Auch weil ein mildes Urteil zu neuen Unruhen in Amerika führen könnte.

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          In Minneapolis herrscht wieder Ausnahmezustand. Hubschrauber kreisen über der Stadt. Verwaltungsgebäude werden mit hohen Stahlzäunen geschützt. Straßen wurden gesperrt, und bewaffnete Einheiten der Nationalgarde patrouillieren in der Stadt im Norden der Vereinigten Staaten. Kaufleute haben Fenster und Türen ihrer Geschäfte mit Brettern verrammelt. Seit Montag haben sich die Geschworenen im Prozess gegen den früheren Polizisten Derek Chauvin zu Beratungen zurückgezogen.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Nach drei Wochen war die Verhandlung, in der 45 Zeugen und Sachverständige befragt wurden, mit den Schlussplädoyers zu Ende gegangen. Die Gefühle sind gemischt: Zwar glauben viele Beobachter, dass die Ankläger ihre Sache gut gemacht hätten, es zudem dem Anwalt Chauvins nicht gelungen sei, eine kohärente Verteidigungsstrategie zu präsentieren – und dass vor allem das neuneinhalb Minuten lange Video, in dem der Polizist sein Knie auf den Nacken George Floyds drückt, der beste Kronzeuge sei.

          Wie reagiert „Black lives matter“? 

          Dennoch gibt es einen Grundzweifel unter Bürgerrechtlern und Aktivisten: Könnte es am Ende wieder keine gerechte Strafe geben? Es ist der wichtigste Prozess in der Geschichte des Bundesstaates Minnesota. Allen Seiten ist bewusst, dass ein aus Sicht der „Black lives matter“-Bewegung zu mildes Urteil der Funke für eine neue Gewaltwelle im ganzen Land sein könnte. Freilich darf dies für die Geschworenen keine Rolle spielen. Die zwölf Männer und Frauen wurden in einem Hotel isoliert und vom Nachrichtenfluss abgeschnitten.

          Vor dem Verwaltungsgebäude von Hennepin County, dem Sitz des Gerichts, findet am Montagabend eine Mahnwache statt. Einige hundert Anhänger der „Black lives matter“-Bewegung haben sich vor dem Stahlzaun versammelt. Der Baptistenpfarrer Al Sharpton und der Bürgerrechtler Jesse Jackson beten mit Vertretern der Familie Floyds. Auch Angehörige Daunte Wrights, der vor neun Tagen in Brooklyn Center, zehn Meilen von Minneapolis entfernt, von einer weißen Polizistin – mutmaßlich – versehentlich erschossen worden ist, sind gekommen. Später tanzt eine Gruppe amerikanischer Ureinwohner mit Federschmuck inmitten der Demonstranten.

          Alles ist sehr friedlich. Eine ältere weiße Dame fordert ein Ende der Polizeigewalt. Junge schwarze Familien sind mit ihren kleinen Kindern erschienen. Doch haben sich auch einige Leute in schwarzen Kapuzenpullis und Springerstiefeln unter die Demonstranten gemischt. Ihnen hängt ein Schutzhelm am Rucksack. Sie sind jedenfalls auf den Fall der Fälle vorbereitet. Als der Afroamerikaner George Floyd vor elf Monaten bei dem Polizeieinsatz in Minneapolis getötet wurde, begannen die schwersten Unruhen in Amerika seit den Tagen der Bürgerrechtsbewegung.

          „Erbarmungslose Gewaltanwendung“

          Auf den Polizeifahrzeugen des Police Department von Minneapolis steht das Motto der Beamten: „To Protect with Courage – To Serve with Compassion“; mit Mut schützen – mit Mitgefühl dienen. Der Ankläger Steve Schleicher erinnert am Montag in seinem Schlussplädoyer an dieses Motto. Der Angeklagte Derek Chauvin habe gegen den Verhaltenskodex der Polizei verstoßen. Seine exzessive und erbarmungslose Gewaltanwendung habe Floyd getötet. Floyd habe Chauvin angefleht, ihn atmen zu lassen, während dieser neun Minuten und 29 Sekunden lang auf seinem Nacken gekniet habe. Floyd habe auf dem Boden gelegen, in Handschellen. Er habe sich nicht widersetzt, er habe Chauvin sogar mit „Mr. Officer“ angesprochen. In den ersten fünf der neuneinhalb Minuten habe er 27 Mal geröchelt, dass er keine Luft bekomme. Der Polizist habe dies gehört, so der Staatsanwalt, „aber alles, was er getan hat, war, sich über ihn lustig zu machen“.

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