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Prozess gegen Attentäter Breivik : Verbrechen und Strafe

Keine Reue: Breivik vor Gericht Bild: REUTERS

Vieles hat die norwegische Justiz unternommen, damit der Prozess gegen den Attentäter von Oslo und Utøya nicht zu sehr zum Zirkus des Grauens gerät. Die Monstrosität des Verbrechens aber lässt einen normalen Prozess kaum zu.

          Schon am frühen Morgen hat sich eine Schlange vor dem Tinghus gebildet, einem modernen Bau aus hellem Granitstein im Zentrum von Oslo, in dem das Amtsgericht seinen Sitz hat. Vorsichtig gleiten die Straßenbahnen an den Wartenden vorbei. An ein Absperrgitter nahe dem Zelt, in dem die Besucher kontrolliert werden, hat jemand einen Strauß aus zehn kleinen roten Rosen gebunden; immer mehr Rosen werden im Laufe des Tages dazukommen, manche mit kleinen Botschaften.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Es ist eine zarte, zerbrechlich wirkende Erinnerung an die Opfer des Mannes, der im Tinghus seinen großen Auftritt vor Gericht bekommt. Eine Erinnerung an die 77 Toten von Oslo und Utøya, an die Hunderten, die er verletzt hat. Polizisten, einige mit Sturmgewehren bewaffnet, patrouillieren rund um das Gebäude. Viele von ihnen sind selbst Kinder der Einwanderergesellschaft, die Anders Behring Breivik am 22. Juli vergangenen Jahres mit seinen Morden treffen wollte. Ein junger Mann, weiße Kopfhörer in den Ohren, eilt an der Schlange vorbei und schimpft: „Verrückt, dieser ganze Zirkus für einen Mörder!“

          Transparenz und Nüchternheit sollen das Verfahren prägen

          Ein Zirkus ist es in der Tat. Als kurz vor acht Uhr Breiviks Verteidiger Geir Lippestad in Begleitung einer Kollegin zu einem Hintereingang zum Gebäude eilt, wird er sofort umlagert von Mikrofonen. Eine platinblonde Russin stöckelt vorbei, moderiert in eine Kamera. Die norwegische Justiz hat alles getan, damit der Zirkus in geregelten Bahnen abläuft. Alles wie bei einem ganz normalen Verfahren. Alles nur um viele Nummern größer allerdings. So, wie es eben das Verfahren verlangt, in dem über das wohl schrecklichste Verbrechen eines Norwegers überhaupt verhandelt wird: die „22. Juli Rettssaken“.

          Raum 250 im Gerichtsgebäude ist für den Prozess neu eingerichtet worden. Hinter Breivik und seinen Verteidigern steht nun eine mannshohe und dicke Glasscheibe. In 17 weitere Gerichtsgebäude im ganzen Land wird das Geschehen live übertragen, um es den vielen Betroffenen zu ermöglichen, das Verfahren zu verfolgen. Transparenz und Nüchternheit sollen das rechtsstaatliche Verfahren prägen.

          Und Pünktlichkeit. Kurz vor neun Uhr wird der Angeklagte in den Saal gebracht. Breivik trägt einen dunklen Anzug und eine goldfarbene Krawatte. Ein kurzer Bart umrahmt sein bleiches, fülliges Gesicht. Kurz geschnitten sind die blonden Haare. Die Handschellen werden ihm abgenommen. Er ballt die rechte Faust und reckt sie in die Höhe. Es ist der Gruß seiner „Tempelritter“, so geht es aus Breiviks im Internet veröffentlichten Pamphlet „2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“ hervor. Er setzt sich, flankiert von Lippestad und einer weiteren Verteidigerin. Die Staatsanwälte reichen ihm die Hand. Breivik lächelt. Fotoapparate klicken ohne Unterlass. Um Punkt neun Uhr treten die Richter in den Saal. Zwei Berufsrichter, drei Laienrichter.

          „Herr Breivik, Sie wollten das Wort bekommen“

          Vor den Richtern kommen die vier psychiatrischen Sachverständigen zu sitzen, die Breivik auch während des Verfahrens begutachten werden. Sie sind sich nicht einig: Zwei von ihnen haben Breivik in einem ersten Gutachten Ende November als „paranoid schizophren“ eingestuft und ihm die Schuldfähigkeit abgesprochen. Breivik hat sich gegen diese Einstufung ausgesprochen. Sie habe ihn „gekränkt“. Auch viele Angehörige von Opfern mochten sich damit nicht zufriedengeben.

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