https://www.faz.net/-gpf-a2hj5

Haft-Protokoll aus Belarus : „Als hätte mich eine Zeitmaschine in den GULag verfrachtet“

  • -Aktualisiert am

Beamte der Strafverfolgungsbehörde bei Streiks nahe der Traktorfirma in Minsk am Mittwoch. Bild: Reuters

Der belarussische Regimegegner Vitali Shkliarov sitzt in einem Minsker Untersuchungsgefängnis. Über seinen Anwalt berichtet er von Folter und Gehirnwäsche. Ein Protokoll aus der Haft.

          3 Min.

          Über den aus Russland stammenden Schriftsteller Wladimir Kaminer ist uns der Bericht eines prominenten Gefangenen aus Belarus übermittelt worden. Der international tätige Politikberater Vitali Shkliarov schildert darin die unmenschlichen Bedingungen in einem Minsker Untersuchungsgefängnis. Weil ihm der Kontakt zur Außenwelt verwehrt ist, gibt Shkliarovs Anwalt in seinem Namen den genauen Wortlaut des Inhaftierten wieder. Ende Juli wurde Shkliarov, der mit einer amerikanischen Diplomatin verheiratet ist, während eines Besuchs bei seinen Eltern verhaftet.

          „Wie jeder Mensch, der es wagte, ein autoritäres Regime zu kritisieren, habe ich von Anfang an verstanden, dass ich beim Thema Knast 'Sag niemals nie' denken sollte. Aber als ich verhaftet wurde, habe ich immer noch nicht erwartet, derartig eingemauert zu werden. Für lange Zeit. Es scheint so, als hätte irgendeine defekte Zeitmaschine mich direkt in den GULag verfrachtet. Nein, ich werde bisher nicht geschlagen. Aber sie versuchen, mich zu brechen. Mit ganzer Kraft. Sie verbiegen und erdrücken mich, und nutzen dabei altbekannte Lager-Methoden.

          Das Schlimmste dabei ist, dass ich keinen Briefwechsel oder telefonischen Kontakt mit der Außenwelt habe. Ich bin ein politischer Gefangener, deshalb werden die Briefe, die ich jeden Tag meiner Mutter, meinem Sohn, meiner Frau oder meinen Freunden schreibe, nicht durch die Mauern des Gefängnisses hindurchgelassen. Sie verlassen den Knast nicht. Ich denke, dass die hiesigen Polizisten sie behalten, um sie in meinem Fall gegen mich verwenden zu können. Genauso wenig kommen die Briefe, die mir geschickt werden, bei mir an. Nicht, dass sie zensiert werden oder nur vereinzelt ankommen. Kein einziger wird durchgelassen. Obwohl sie gelesen werden. Und Bücher geben sie auch nicht weiter.

          Gehirnwäsche aus dem Staatsfernsehen

          Deswegen wollte ich selbst anfangen, etwas zu schreiben – darf ich natürlich auch nicht! Nicht nur, dass jedes einzelne Wort, das ich in mein Tagebuch schreibe, gelesen und abgeheftet wird; einmal, nach einem Treffen mit meinem Anwalt, als ich versucht habe, einen Brief an meine Frau und meine Mutter durchzugeben, kamen sie in meine Zelle gestürmt und haben mich nackt von Kopf bis Fuß durchsucht, um herauszufinden, ob ich noch irgendwo Papierfetzen versteckt habe. Dann musste ich in den 'Becher', einen ein mal ein Meter großen Kerker aus Beton, in dem ich mehrere Stunden warten musste, bis mein Zimmer fertig durchsucht war.

          Glaubt mir, der 'Becher' ist nichts im Vergleich zum totalen informationslosen Vakuum, in dem die Menschen hier leben, dagegen ist das Kinderkram. Dafür habe ich für meine geistige Unterhaltung einen Fernseher in die Zelle gestellt bekommen. Natürlich sind nur die drei öffentlichen belarussischen Kanäle verfügbar, wo die besten Gehirnwäsche-Programme laufen – sie versuchen wohl, mich durch ihre Propaganda über den Milchertrag und die Weizenernte mild zu stimmen.

          Duschen kann ich einmal die Woche, immer mittwochs. Eine Toilette hab ich in der Zelle – wo jeder einen sehen kann. Solschenizyn hat mir aus seinem Grab zugewunken und sich einmal umgedreht. Jeden Tag werde ich gezwungen, mich zu rasieren. Nach der Knastordnung darf man keinen Bart wachsen lassen. Wenn man sich nicht rasiert, wird einem mit dem Kerker gedroht (das ist ungefähr wie der 'Becher', nur mit einem Hocker, liegen kann man nicht).

          Der Politikberater Vitali Shkliarov in einem Café in Moskau im Jahr 2017.
          Der Politikberater Vitali Shkliarov in einem Café in Moskau im Jahr 2017. : Bild: Getty

          Den Bart wachsen lassen, das ist die höchste Stufe der Freiheit. Das gehört sich hier nicht! Alle müssen gleich sein. Der Rasierer ist stumpf, After Shave oder Lotion gibt es nicht, und das Wasser ist eiskalt. Nach dem ersten Mal Rasieren hat sich meine Haut schon furchtbar entzündet. Am nächsten Tag wurde ich wieder gezwungen, mich zu rasieren, obwohl gar nichts nachgewachsen ist! Nichts! Der Ausschlag ist schlimmer geworden. Ich habe den Arzt gerufen, der meinte, er sieht den Ausschlag, 'kann aber nichts tun'. Es gehört sich nicht, sich nicht zu rasieren, Knastordnung eben.

          Tagsüber darf man sich nicht aufs Bett legen – da ist Ärger und Kerker vorprogrammiert. Dafür ist um 22 Uhr Feierabend. Ihr denkt, Feierabend heißt hinlegen und schlafen? Feierabend, das heißt nur, dass die sowjetisch-patriotische Musik ausgestellt wird, die von sechs Uhr morgens an auf dem Hof lärmt. Das Licht in der Zelle ist die ganze Zeit an, 24 Stunden lang. Die Liegen in der Zelle sind kurz, eisern und unbequem, man kann unmöglich darauf schlafen. Die Füße schlafen ein, sich ausstrecken kann man nicht. Deshalb ist Ausschlafen aussichtslos: hell und schmerzhaft.

          Und ständig der Lärm von sich öffnenden und schließenden Zelltüren aus Metall. Immer, 24 Stunden am Tag. Im Jahr 2020 kann man das und muss es auch als Folter betrachten. Folter, die man als Antwort auf freie Meinungsäußerung, „falsche“ Ansichten und fachliche Aussagen über die Präsidentschaftswahlen aufgebrummt bekommt.

          Liebe unfreie Bürger von Belarus, ich hoffe, bei euch, die noch auf freiem Fuße sind, ist alles besser als hier. Obwohl der Unterschied mir von Tag zu Tag geringer erscheint, wenn wahr ist, was bei uns hier von der Welt da draußen ankommt. Dann sind die unmöglichen Bedingungen, unter denen ich zur Zeit lebe, gar nichts im Vergleich zu den Jugendlichen, Kindern und  jungen Frauen, die mit Schlagstöcken bewusstlos geprügelt werden.

          Und nur der Teufel weiß, welche Gerichtsurteile auf sie, genauso wie auf mich, warten. Und trotzdem, verliere ich nicht die Hoffnung, dass wir alle frei kommen. Die Freiheit kommt, früher oder später. Wir müssen nur noch die defekte Zeitmaschine reparieren, sie wieder in Gang setzen und ins 21. Jahrhundert zurückfahren.

          Für alle Fälle sag ich es nochmal ganz offiziell: Ich habe keine Selbstmordgedanken. Ich hoffe, komplett von allen Anklagen freigestellt zu werden und mein Leben wieder gerecht in Freiheit führen zu können.

          Mit Hochachtung und lieben Grüße, Eurer vorübergehend im sowjetischen Belarus politisch gefangener Vitalij Shkliarov.“

          Ins Deutsche übersetzt von Nicole Kaminer.

          Vitali Shkliarov

          Vitali Shkliarov wurde 1976 in Gomel im Osten von Belarus geboren, studierte in den neunziger Jahren in Deutschland, wo er begann, sich für Politik und speziell Wahlkämpfe zu interessieren. Er arbeitete 2012 in der Wiederwahlkampagne von Barack Obama mit und war im Vorwahlkampf 2016 Berater für Bernie Sanders. Er hat in Russland Wahlkampagnen für Kreml-Gegner organisiert und war 2018 in Georgien Berater für den Präsidentschaftskandidaten der Opposition. In der F.A.Z. hat er Ende 2018 einen Gastbeitrag veröffentlicht, in dem er die Frage stellte, ob Belarus zur „Krim 2.0“ werden könne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Als verzichtbar wurde, was man unter „Struktur“ versteht: das Bauhaus-Viertel in Tel Aviv, heute Welterbe der Unesco.

          Architektur : Tut nicht so grün, es bleibt Konsumkapitalismus

          Das „Europäische Bauhaus“ will die Städte umweltfreundlicher machen. Leider ist der zyklische Ansatz völlig falsch gewählt. Wir brauchen einen viel grundlegenderen Neuanfang. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.