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Protokoll der Flucht eines Mörders : Das soll Ratko Mladic sein?

Zweimal Ratko Mladic: Links am 2. Dezember 1995, und rechts bei seiner Festnahme am 26. Mai 2011 Bild: dapd

Niemand wagte, sich Ratko Mladic in den Weg zu stellen. Es dauerte fast sechzehn Jahre nach der Anklageerhebung, bis der Schlächter von Srebrenica gefasst wurde. Wie konnte er sich so lange der Justiz entziehen?

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          Um seine Opfer in Sicherheit zu wiegen, versicherte Ratko Mladic den todgeweihten Männern von Srebrenica kurz vor dem Beginn der Erschießungen, jedem, der seine Waffe abgebe, werde nichts geschehen. Er diktierte einem Mann weitere Forderungen, war ausgesucht höflich, sagte „bitte“ und „danke“. Dann gab er den Muslimen Srebrenicas zu verstehen, sie sollten sich besser an seine Anweisungen halten, wenn ihnen ihr Leben lieb sei: „Allah kann euch nicht helfen, aber Mladic.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Tag seines größten Verbrechens ist in allen Einzelheiten dokumentiert. Es ist der 11. Juli 1995, ein heißer Sommertag in Bosnien. In Deutschland herrscht unbeschwerte Ferienstimmung. Borussia Dortmund ist Meister geworden. In Berlin hat ein exzentrisches Künstlerpärchen den Reichstag verhüllt und den Deutschen damit angeblich eine neue Leichtigkeit beschert.

          Zwei Flugstunden südöstlich herrscht unverhülltes Grauen. Es ist die Endphase des Krieges in Bosnien. Noch gut vier Monate wird das Morden andauern. Am Ende werden etwa 100.000 Menschen getötet, ungleich mehr vertrieben sein. Am 11. Juli nimmt in der sogenannten UN-Schutzzone Srebrenica das größte Massaker des bosnischen Krieges seinen Lauf, und Ratko Mladic, Oberbefehlshaber über die Truppen der bosnischen Serben, will den großen Tag für die Nachwelt festhalten. Er hat einen Kameramann mitgebracht, der ihn in den folgenden Stunden begleiten wird. Jetzt, da er die jahrelang von bosnischen Muslimen gegen eine serbische Übermacht gehaltene Enklave betreten hat, spricht er die berühmten Worte: „Hier sind wir, am 11. Juli 1995, im serbischen Srebrenica. Am Vorabend eines anderen großen serbischen Festtages schenken wir dem serbischen Volk diese Stadt, denn endlich ist der Zeitpunkt gekommen, nach dem Aufstand gegen die osmanischen Tyrannen auf diesem Boden an den Türken Rache zu nehmen.“

          Anhänger des Kriegsverbrechers demonstrieren gegen seine Festnahme

          Ohne Uniform sieht Mladic nackt aus

          Mladic ist magerer geworden. Der einst so selbstsichere, furchteinflößende Blick ist verschwunden. Ohne Uniform sieht Mladic nackt aus. Die „Politika“, das renommierteste Blatt Serbiens, druckt am Freitag unter der Überschrift „Ratko Mladic gefasst“ zwei Fotos. Eines zeigt den General in Uniform auf dem Höhepunkt seiner Macht im Jahr 1995. Das andere muss unmittelbar nach der Verhaftung aufgenommen worden sein. Es ist das einzige Porträt des Gesuchten, das bisher an die Öffentlichkeit gegeben wurde.

          So also sieht er heute aus? Das soll Ratko Mladic sein? Was für ein Unterschied zu Radovan Karadzic, dem ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serben. Karadzic hatte sich unter dem Tarnnamen Dr. Dragan Dabic in dem Hochhausviertel Neu-Belgrad aufgehalten, und mit seiner langen weißen Mähne sah er aus wie ein indischer Guru. Mladic dagegen sieht aus wie ein serbischer Bauer. Und als solcher gab er sich offenbar auch aus, als man ihn aufspürte.

          In Mladics Sätzen von der „Rache an den Türken“ verbarg sich die Anweisung für alles, was im Juli 1995 innerhalb von 72 Stunden geschehen sollte in Srebrenica. „Türken“, so nennen serbische Nationalisten die bosnischen Muslime. Die Bezeichnung ist gleichbedeutend mit „Verräter“ oder „Überläufer“. Bosniens Muslime sind Balkanslawen, deren katholische oder orthodoxe Vorfahren irgendwann nach der Eroberung des Landes durch die Osmanen zum Islam übertraten - was serbische Nationalisten ihren Nachfahren auch Jahrhunderte später noch übelnehmen.

          Umgeben von Männern, die wissen, wie man tötet

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