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Proteste nach Grubenunglück : Erdogan-Berater tritt auf Demonstranten ein

  • Aktualisiert am

Das Bild von Erdogan-Berater Yerkel in einem Beitrag bei Twitter. Bild: twitter.com/Retardogan

Ein Vertrauter des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan hat auf einen am Boden liegenden Demonstranten eingetreten. Wegen des Grubenunglücks in Soma protestieren an diesem Donnerstag Regierungsgegner und Gewerkschaften gegen Erdogan.

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          Über den Kurzmitteilungsdienst Twitter ist am Donnerstag ein Foto verbreitet worden, das Yusuf Yerkel, einen engen Berater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zeigen soll, der auf einen Demonstranten eintritt, während zwei Sicherheitskräfte den Mann am Boden festhalten. Der Mann hatte gegen das Verhalten der Regierung nach dem Grubenunglück protestiert. Yerkel hatte Erdogan am Mittwoch bei einem Besuch des Unglücksortes in Soma begleitet. Dabei war es zu Buh-Rufen und Protesten gegen den Ministerpräsidenten gekommen. Yerkel bestätigte dem türkischen Dienst der BBC, dass er auf dem Bild zu sehen sei. Türkischen Medienberichten zufolge sagte Yerkel, bei dem Mann habe es sich um einen militanten Linken gehandelt, der ihn und Erdogan angegriffen und beleidigt habe.

          Soma: Erdogan-Berater Yerkel tritt auf einen Demonstranten ein.
          Soma: Erdogan-Berater Yerkel tritt auf einen Demonstranten ein. : Bild: REUTERS

          Erdogan hatte gesagt, solche Unglücke geschähen „überall auf der Welt“. Er hatte in Soma Grubenunglücke in aller Welt seit 1862 aufgezählt. Zudem hatte die Regierungspartei AKP im vergangenen Monat Forderungen der Opposition zurückgewiesen, die Sicherheitsvorkehrungen an der Zeche Soma zu überprüfen. Die Bergwerksgesellschaft teilte mit, die letzten Sicherheitsüberprüfungen habe es vor zwei Monaten gegeben. Opposition und Gewerkschaften werfen Erdogan nun vor, durch die Privatisierungspolitik seiner Partei AKP für die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen in den türkischen Zechen mitverantwortlich zu sein. Auch in der Hauptstadt Ankara und in der Metropole Istanbul hatten am Mittwochabend Tausende Menschen wegen des Grubenunglücks den Rücktritt der Regierung gefordert. Die Polizei hinderte die Demonstranten daran, weiter in Richtung des zentralen Taksim-Platzes vorzudringen. In Ankara hatten Hunderte Demonstranten am Mittwochnachmittag versucht, zum Energieministerium vorzudringen. Am Donnerstag wird Staatspräsident Abdullah Gül am Ort der Katastrophe erwartet.

          Söhne, Freunde, Kumpel verloren: In Soma herrschen weiter Fassungslosigkeit und Trauer
          Söhne, Freunde, Kumpel verloren: In Soma herrschen weiter Fassungslosigkeit und Trauer : Bild: AP

          Die vier größten Gewerkschaften des Landes riefen nach dem schweren Grubenunglück mit mindestens 282 Toten zu einem landesweiten Streik auf. Die Beschäftigten sollten einen Tag lang die Arbeit ruhen lassen, erklärten die vier Gewerkschaftsverbände. „Hunderte unserer Kollegen in Soma wurden von Anfang an dem Tod überlassen, indem sie gezwungen wurden, unter brutalen Arbeitsbedingungen zu schuften, damit die höchsten Gewinne erreicht werden“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung der Gewerkschaften.

          Der größte türkische Gewerkschaftsbund Türk-Is schrieb, statt zu arbeiten, sollten die Menschen am Arbeitsplatz der Bergleute gedenken. Der Gewerkschaftsbund sprach im Zusammenhang mit der Katastrophe von dem größten „Mord“ am Arbeitsplatz in der Geschichte der türkischen Republik, gegen den protestiert werden müsse. In der Türk-Is sind 35 Einzelgewerkschaften organisiert.

          Bild: DPA

          Seit der Explosion in dem Kohlebergwerk am Dienstag werden immer mehr Tote aus dem Schacht geborgen. Die Katastrophe gilt inzwischen als das weltweit schwerste Grubenunglück seit mehr als zwei Jahrzehnten. Noch rund 120 Kumpel seien unter Tage eingeschlossen, sagte Erdogan der Nachrichtenagentur Anadolu. 80 Personen seien bei dem Brand in dem Kohlebergwerk verletzt worden. Energieminister Taner Yildiz sagte in Soma, die Hoffnung schwinde, noch Überlebende zu retten: „Es ist schlimmer als zunächst erwartet.“ Zum Zeitpunkt des Unglücks am Dienstagnachmittag seien 787 Arbeiter in der Zeche gewesen. 1992 waren beim bislang schwersten Unglück in einem Bergwerk in der Türkei 263 Personen ums Leben gekommen.

          In Medienberichten über die mögliche Unglücksursache in Soma hieß es am Donnerstag, möglicherweise habe ein elektrischer Defekt in einem Trafo zunächst eine Explosion und dann einen Brand verursacht, der in 150 Metern Tiefe ausbrach. Wegen des Unglücks rief die Regierung eine dreitägige Staatstrauer aus. Im ganzen Land und an den türkischen Vertretungen im Ausland wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt.

          Die Bilder gleichen sich, die Anlässe werden für Erdogan jedoch immer bedrohlicher: Demonstration gegen die türkische Regierung am Mittwoch in Istanbul
          Die Bilder gleichen sich, die Anlässe werden für Erdogan jedoch immer bedrohlicher: Demonstration gegen die türkische Regierung am Mittwoch in Istanbul : Bild: dpa

          Das Grubenunglück wurde auf der ganzen Welt mit Trauer aufgenommen. Mehrere Länder boten der Türkei Hilfe an, darunter waren auch Israel und Griechenland, deren Verhältnis zur Türkei angespannt ist. Bundespräsident Joachim Gauck sprach dem türkischen Präsidenten Gül seine Anteilnahme aus. Kanzlerin Merkel schrieb Erdogan: „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer.“ In der Türkei kommt es immer wieder zu tödlichen Grubenunfällen. Mehrfach gab es in den vergangenen Jahren Verstöße gegen Sicherheitsregeln oder es wurden veraltete Arbeitsgeräte eingesetzt.

          Nach der Identifizierung: Witwe eines Kumpels in Soma
          Nach der Identifizierung: Witwe eines Kumpels in Soma : Bild: AP

          Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) warnte Erdogan vor seinem geplanten Besuch in Deutschland davor, die in Deutschland lebenden Türken zu polarisieren. „Ich hoffe, dass er nichts sagt, was die Spaltung vorantreibt“, sagte einer der neuen TGD-Vorsitzenden, Safter Çinar, dem Kölner Stadt-Anzeiger.

          Gräber ausgehoben: In dem Ort Manisa sind bisher 245 Opfer zu beklagen.
          Gräber ausgehoben: In dem Ort Manisa sind bisher 245 Opfer zu beklagen. : Bild: AFP

          Erdogan wird am 24. Mai vor tausenden Anhängern in Köln sprechen. Die Türkei sei tief gespalten, sagte Çinar. „Wir müssen vermeiden, dass sich die unversöhnliche Atmosphäre auf die türkische Gesellschaft in Deutschland überträgt.“ Er kritisierte ein oft aggressives Auftreten des türkischen Ministerpräsidenten, der glaube, dass hinter den Protesten in seinem Land nicht unzufriedene Bürger, sondern finstere Mächte steckten.

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