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Proteste in Kiew : Schlacht um das ukrainische Haus

Mit Eiszapfen und Nationalflagge: Demonstranten auf einer Barrikade in Kiew Bild: dpa

In Kiew hat die Opposition das „Ukrainische Haus“ gestürmt. Dort sollten sich Sondereinheiten der Regierung einnisten. Mit kleinen Nadelstichen drängen die Demonstranten das Regime Janukowitsch in die Defensive.

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          Ein Nadelstich mehr: Wieder sind Scheiben zerborsten, und wieder folgt am Tag danach das große Saubermachen. Vor dem „Ukrainischen Haus“ sind diese vierschrötigen Kerle aufgezogen, die Hundertschaften der Revolution in ihren selbstgemachten Uniformen, mit ihren mit Klebeband auf Arme und Beine geklebten Schaumstoffpolstern, unrasiert nach so vielen Tagen des Kampfes, auf den Köpfen alle nur denkbaren Arten von Helmen: Bauhelme, Motoradhelme, Fahrradhelme und dazu in erstaunlicher Menge alte sowjetische Militärhelme.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Abermals hat die Opposition ein prominentes Gebäude im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew in ihre Gewalt gebracht: das „Ukrainische Haus“, einen Monumentalbau der spätsowjetischen Betonästhetik, erbaut als Sitz des „Allunions-Lenin-Museums“. Heute ist es das größte Ausstellungs- und Konferenzzentrum der Stadt, nur zwei Gehminuten entfernt vom „Majdan Nesaleschnosti“, dem zentralen Platz, wo die Opposition gegen das Regime des Präsidenten Viktor Janukowitsch ihr befestigtes Hauptlager hat.

          Selbstverteidigung mit Knüppeln

          In der Nacht auf Sonntag haben die Hundertschaften der Opposition das Haus nun besetzt – es heißt, sie habe gefürchtet, die Polizei wolle hier ein Stammlager für Sondereinheiten einrichten, die dann jederzeit gegen den „Majdan“ eingesetzt werden könnten. Jetzt ist es Sonntag, und vor dem Haus stehen die Wachen der oppositionellen „Selbstverteidigung“ mit ihren Knüppeln. Ordnungsdienste reparieren die zerschlagenen Fenster und hacken das Eis vor dem Eingang, und von der revolutionären Großküche gleich nebenan am Majdan kommen per Tablett die ersten Lieferungen von Wurstbrötchen und Tee mit Zitrone.

          Die Eroberung des „Ukrainischen Hauses“ ist nur einer von vielen Nadelstichen, mit denen die proeuropäische Oppositionsbewegung versucht, das Regime Janukowitsch in die Defensive zu drängen, seit dieser Ende vergangenen Jahres statt eines versprochenen Assoziierungsabkommens mit der EU völlig überraschend ein Paket von Abkommen mit Russland geschlossen hat. Noch im vergangenen Jahr war das Gewerkschaftshaus besetzt worden, heute das Hauptquartier des Widerstands mit Sanitätsstation, Küche und politischer Schaltzentrale sowie das Stadtratsgebäude in seiner hochstalinistischen Pracht, wo jetzt unter anderem eine Art Massenschlafstation für durchgefrorene Oppositionelle untergebracht ist. Auch das Landwirtschaftsministerium haben die Demonstranten vergangene Woche eingenommen.

          Attacke: So schlagen Mitglieder der Protestbewegung Scheiben eines Regierungsgebäudes ein.
          Attacke: So schlagen Mitglieder der Protestbewegung Scheiben eines Regierungsgebäudes ein. : Bild: AP

          Mit dieser Politik der kleinen Schritte versucht die Führung der Opposition zunächst, die aktionshungrige „Basis“ des Majdan, deren Wut auf das Regime sich in der vergangenen Woche in teilweise sehr gewalttätigen Angriffen auf Polizeikordons geäußert hat, so beschäftigt zu halten, dass es nicht zu unkontrollierten Eskalationen kommt. Das ist nicht ganz leicht, denn der Zorn ist groß, weil die Gewalt des Regimes die der Opposition deutlich übersteigt. Erst am Wochenende ist ein weiterer Demonstrant an Schussverletzungen gestorben. Die Zahl der Todesopfer steigt damit auf vier. Am Sonntag ist eines der Opfer unter großer Anteilnahme zuerst im Kiewer Michaelskloster aufgebahrt und dann in einem Trauerzug, der auch über den Majdan führte, beigesetzt worden.

          Protest ins offene Land getragen

          Andererseits haben diese konstanten begrenzten Angriffe auch das Ziel, das Regime Janukowitsch in der Defensive zu halten. Besonders wichtig für diesen Zweck ist dabei, dass es den Regimegegnern seit der vergangenen Woche gelungen ist, ihren Protest über Kiew hinaus ins offene Land zu tragen. In neun der fünfundzwanzig Regionen (Oblasts) des Landes haben Oppositionelle die Gouverneurssitze gestürmt, in weiteren Gebieten werden die Gebietsverwaltungen von tausenden Demonstranten belagert – ein klares Signal gegen Janukowitsch, da in der Ukraine die Gouverneure vom Präsidenten ernannt werden. In einigen Fällen wie in Lemberg haben die örtlichen Staatsorgane sich sogar willig der Opposition angeschlossen.

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