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Proteste in Iran : „Ich bin durstig“

Kümmerlicher Rest: Der Urmia-See im Nordwesten Irans Bild: Getty

In Iran haben schlechte Politik und Klimawandel eine historische Dürre verursacht. Doch nicht nur das Wasser ist knapp, der Bevölkerung fehlt es auch an Strom.

          3 Min.

          Die iranische Staatsspitze reagiert ratlos auf die Proteste in der Provinz Chusistan, die sich vor zehn Tagen an der sich zuspitzenden Wasserknappheit entzündet haben. Revolutionsführer Ali Chamenei sagte am Freitag in seiner ersten Stellungnahme dazu, die Demonstranten trügen keine Schuld, sie äußerten lediglich ihren Unmut. Er rief die Verantwortlichen dazu auf, sich mit der Krise zu befassen. Am Samstag forderte zudem Präsident Hassan Rohani, dessen zweite und letzte Amtszeit in wenigen Tagen endet, die Probleme müssten umgehend gelöst werden. Bei einer solchen Situation hätten die Menschen ein Recht zu protestieren.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Die Sicherheitskräfte wandten jedoch exzessive Gewalt an, um die Proteste niederzuschlagen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden bislang mindestens acht Personen getötet. Die Sicherheitskräfte seien gegen die meist friedlichen Proteste mit scharfer Munition vorgegangen, kritisierte Amnesty International. Die Hohe UN-Kommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, hat Iran am Freitag aufgefordert, gegen die chronische Wasserknappheit Maßnahmen zu ergreifen, anstatt die Proteste niederzuschlagen, was den Unmut nur steigere.

          In Dutzenden Städten der Provinz Chusistan demonstrieren Tausende Menschen. In Videos, die in den sozialen Medien verbreitet werden, ist zu hören, wie sie „Ich bin durstig“ und „Wir wollen keine Islamische Republik“ skandieren. Mit Hashtags machen sie auf ihre Situation aufmerksam. Die Demonstranten fordern den Rücktritt von lokalen Verantwortlichen, sie attackieren aber auch die Regierung und Staatsspitze in Teheran.

          Die an der Grenze zum Irak und am nördlichen Ende des Persischen Golfs gelegene Provinz Chusistan war bis in die vergangenen Jahre ein wasserreiches und wichtiges Anbaugebiet für Getreide und Zuckerrüben. Als Folge der gestiegenen Temperaturen und geringerer Niederschläge sind die Landwirtschaft und die Viehzucht in kurzer Zeit nahezu vollständig verschwunden. Mitverantwortlich für die sich zuspitzende Wasserknappheit sind umstrittene Projekte der Regierung, etwa das Pumpen von Wasser aus Chusistan in wasserarme Provinzen Zentralirans.

          Temperaturen von 50 Grad

          Präsident Hassan Rohani bezeichnet die diesjährige Dürre als „beispiellos“. Sein Energieminister Reza Ardakanian warnte bereits im Mai, dass Iran der trockenste Sommer der vergangenen fünfzig Jahre bevorstehe, Temperaturen von 50 Grad drohten. Im Juni teilte die staatliche Organisation für Meteorologie mit, dass in Iran die Durchschnittstemperatur im vergangenen halben Jahrhundert um zwei Grad gestiegen sei. Dagegen sei die Regenmenge in den vergangenen 20 Jahren um bis zu 20 Prozent gesunken, im Süden und Westen Irans sogar bis 85 Prozent.

          Der Abgeordnete Modschtaba Yussefi aus Chusistan sagte einer iranischen Internetseite, in der Provinz litten 702 Gemeinden unter Wasserknappheit, das Vieh verende. Neben der aktuellen Wasserknappheit klagen die Bewohner der Provinz über eine jahrzehntelange Vernachlässigung durch die Zentralregierung. Unter dem Boden der Provinz, in der überwiegend die arabischsprachige Minderheit Irans lebt, befinden sich zwar 80 Prozent der Ölreserven des Landes. Nach wie vor ist in Chusistan, das im Krieg mit dem Irak von 1980 bis 1988 stark zerstört wurde, die Infrastruktur aber nicht wiederaufgebaut. Die Bewohner werfen der Zentralregierung vor, sie dränge aus Furcht vor einer arabischen Unabhängigkeitsbewegung die einheimische Bevölkerung zur Abwanderung.

          Stromabschaltungen, wie es sie seit dem Krieg nicht mehr gab

          Während die Provinz Chusistan von Dürre und Wasserknappheit bedroht ist, sind andere Provinzen von Stromabschaltungen betroffen, wie sie es in diesem Maße seit dem Krieg gegen den Irak nicht gegeben hat. Das treibt insbesondere die ärmeren Iraner auf die Straße. Denn Ajatollah Ruhollah Chomeini hatte zu Beginn der Revolution den Armen kostenloses Wasser und kostenlosen Strom versprochen. Das Versprechen wurde zwar nie eingelöst. Die Subventionen zur Senkung der Verbraucherpreise für Wasser und Strom verschlingen nach Angaben der Internationalen Energieagentur aber 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

          Private Verbraucher zahlen nach Berechnungen des Energiefachmanns Alireza Asadi nur 15 Prozent der tatsächlichen Kosten der Stromerzeugung, die Fabriken 30 Prozent. Als Folge des niedrigen Preises steigt der Stromverbrauch jedes Jahr um fünf Prozent und somit viel schneller als die Stromerzeugung. Die Nachfrage nach Elektrizität soll ein Fünftel über der Kapazität zur Stromerzeugung liegen. Präsident Rohani hat darauf reagiert, indem er unter anderem den Stromexport in den benachbarten Irak gedrosselt hat.

          Der Klimawandel ist das eine, die Politik das andere

          Der Klimawandel ist eine Ursache für die Knappheit von Wasser und Strom. Eine weitere Ursache ist die Politik der iranischen Regierung. Weit verbreitet sind Klagen über das schlechte Wassermanagement der örtlichen Behörden. So werden bei der Zuteilung von Wasser regierungsnahe Kreise bevorzugt. Um bei Nahrungsmitteln autark zu werden, fördert die Regierung die Bewässerung. Damit verbraucht die Landwirtschaft 90 Prozent des Wassers. Umstritten sind die Staudämme, deren Zahl sich seit der Revolution auf fast 200 verzehnfacht hat. In Chusistan trägt zudem eine fahrlässige Ölförderung zur Verschmutzung des Wassers bei.

          Die sich anbahnende Katastrophe ist in Iran an vielen Orten zu sehen. So ist der größte und einzige in der Vergangenheit schiffbare Fluss Irans, der 500 Meter breite Karun, in diesem Sommer ausgetrocknet. Seit Jahren ausgetrocknet ist der Zayandeh Rud, dessen Flussbett die Stadt Isfahan durchzieht. Vom Urmia-See, dem einst größten Binnensee Irans, ist nur noch ein kümmerlicher Rest übrig. Die Salzkruste auf dem trockenen Boden des einstigen Salzsees schuf eine weitere Gefahr. Denn nun wehen im Nordwesten Irans die Stürme ungehindert, und das Salz zerstört fruchtbaren Ackerboden.

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