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Proteste in Hongkong : „Wenn sie kommen, gehen wir einfach nach Hause“

Um möglichst viel Angst zu schüren, hat die Kommunistische Partei am Samstagabend ein martialisches Video veröffentlicht, in dem Tausende Polizisten und Soldaten gemeinsam die Niederschlagung eines Aufstands üben. Davon haben sich die Demonstranten aber nicht abschrecken lassen. Bild: dpa

Hunderttausende protestieren in Hongkong gegen die chinesische Regierung. Von Einschüchterungen aus Peking und der Drohung, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen, lassen sie sich nicht einschüchtern.

          Um möglichst viel Angst zu schüren, hat die Kommunistische Partei am Samstagabend ein martialisches Video veröffentlicht, in dem Tausende Polizisten und Soldaten gemeinsam die Niederschlagung eines Aufstands üben. Mit Panzerfahrzeugen und Schäferhunden. Das Kalkül ist klar: Möglichst wenige Hongkonger sollen sich trauen, am elften Protestwochenende in Folge auf die Straße zu gehen. Doch Hunderttausende Bürger haben sich davon nicht einschüchtern lassen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Eigentlich hat die Polizei den Protestmarsch am Sonntag verboten. Sie hat lediglich eine Versammlung im Victoria Park erlaubt. Doch selbst wenn sich die Demonstranten daran hätten halten wollen: Es wäre unmöglich gewesen. Es sind einfach zu viele Menschen. Schon eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung ist der Park völlig überfüllt. Zentimeter um Zentimeter schiebt sich die Menschenmasse im strömenden Regen aus dem Park heraus auf die umliegenden Straßen, während von der anderen Straßenseite immer mehr Menschen hineinströmen. Über Stunden gibt es kein Durchkommen. Dicht an dicht stehen schwarz gekleidete Demonstranten und quetschen sich an den Schaufenstern der Tissot- und Swarovski-Läden vorbei, in denen die Verkäufer vergeblich auf Kundschaft warten. Alle umliegenden U-Bahnen sind wegen Überfüllung geschlossen. Doch niemand drängelt, niemand schubst. Als eine Frau einen Schwächeanfall erleidet, bildet die Menge sofort eine Rettungsgasse.

          Keine Gewalt, das hatten die Veranstalter von den Teilnehmern gefordert. In den sozialen Netzwerken waren die radikaleren Aktivisten tausendfach aufgefordert worden, an diesem Sonntag keine Bilder der Gewalt zu produzieren. Es soll eine Antwort sein auf die schrillen Töne aus Peking, das die Protestbewegung inzwischen mit Terrorismus gleichsetzt.

          Doch in der Menge rund um den Victoria Park trägt am Nachmittag niemand eine Gesichtsmaske. Die, die hier ihrer Wut über die Regierung Ausdruck verleihen, sind ältere Ehepaare und junge Mütter mit Kindern, Gruppen von Freundinnen. Menschen jeden Alters. Die Hoffnung, dass die Regierung sie erhören könnte, haben sie längst aufgegeben. Sie sind gekommen, um die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf Hongkong zu ziehen. In der Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen chinesische Entscheidungsträger verhängen.

          Eine Frau mit einem Lautsprecher spielt die inoffizielle Hymne der Protestbewegung. Um sie herum erhebt sich ein Chor von Stimmen. „Do you hear the people sing? Singing the song of angry men.“ Das Lied stammt aus dem Musical „Les Misérables”. Es wird auf der ganzen Welt verstanden.

          Die Gefahr eines Militäreinsatzes beschäftigt gleichwohl viele der Demonstranten. Bei den Älteren kommen Erinnerungen an den 4. Juni 1989 wieder hoch, als Chinas Führung in Peking die Studentenproteste niederwalzen ließ. „China ist zwar reicher und mächtiger als vor dreißig Jahren“, sagt Anita, die mit ihrer erwachsenen Tochter gekommen ist. „Aber innen drin hat es sich nicht verändert. Sie sind es gewohnt, Gewalt anzuwenden.“

          Ihre Tochter hat eine ganz andere Sicht. „Viele junge Leute hoffen, dass das chinesische Militär eingreift“, sagt sie und zitiert einen Satz, der in Hongkong im Moment häufig zu hören ist: „Wenn wir verbrennen, werdet ihr mit uns verbrennen.“ Das bezieht sich sowohl auf die Pekinger Führung als auch auf jene Hongkonger, die weiterhin die Regierung und die Polizei unterstützen. Viele der jungen Demonstranten sind überzeugt, dass ein Militäreinsatz auch für Chinas Wirtschaft katastrophale Folgen hätte. Und denjenigen Hongkongern, die die Proteste ablehnen, halten sie mangelnde Solidarität mit der Jugend vor. „Sie wollen nur schützen, was sie haben“, sagt Anitas Tochter Candy. „Aber ich und meine Freunde werden niemals genug Geld verdienen, um eine eigene Wohnung zu kaufen, selbst wenn wir voll arbeiten.“ Der Grund dafür sind die exorbitanten Immobilienpreise, eine Folge der Klüngelei zwischen Hongkonger Immobilienmagnaten und pro-Pekinger Politikern.

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