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Proteste in Hongkong : Wenn der Hass die Kontrolle übernimmt

Die Angst vor einem militärischen Eingreifen sitzt tief: Im Shenzhen Bay Sports Center parken Dutzende Truppentransporter Bild: Satellite image ©2019 Maxar Tec

Bei den Demonstranten in Hongkong liegen die Nerven blank. Aus Angst vor einer Unterwanderung durch Polizisten kommt es zu Überreaktionen – das ist in Pekings Sinne.

          Die Hongkonger Protestbewegung sah sich am Mittwoch zu einem ungewöhnlichen Schritt genötigt: „Wir bitten für unser Verhalten um Entschuldigung, aber wir haben einfach zu viel Angst“, hieß es in einer im Internet verbreiteten Botschaft. Und weiter: „Wir werden von unseren Fehlern lernen. Bitte gebt uns eine zweite Chance zu beweisen, dass wir es besser können.“

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Das bezog sich auf Übergriffe von Aktivisten auf zwei Männer am Hongkonger Flughafen. Einer von ihnen wurde verdächtigt, ein Polizist vom Festland zu sein, der sich unter die Demonstranten gemischt habe. Er wurde geschlagen und drei Stunden lang von einer aufgebrachten Menge festgesetzt. Trotz der Appelle zahlreicher Anwesender versperrten Aktivisten herbeigeeilten Rettungshelfern den Zugang zu dem Mann. Der zweite Betroffene, der sich später als Reporter der chinesischen Parteizeitung „Global Times“ entpuppte, weckte den Argwohn übereifriger Aktivisten, weil er Fotos von ihnen machte und sich offenbar weigerte, ihrer Forderung zu folgen, sich als Pressevertreter auszuweisen. Auch er wurde festgesetzt und geschlagen. Als Aktivisten in seinem Rucksack ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love Hong Kong police“ fanden, johlte die Menge. Um kurz vor zehn Uhr am Dienstagabend schickte einer der Aktivisten eine triumphalistische Botschaft an diese Zeitung: „Wir haben zwei chinesische Polizisten vom Festland gefangen genommen und gefesselt“.

          „So ist die Natur des Menschen“, schreibt ein inhaftierter Aktivist

          Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die aufgeheizte Stimmung in Hongkong. Bei den Aktivisten liegen die Nerven blank. Viele haben Angst, bald festgenommen zu werden. In diesem Fall drohen ihnen bis zu zehn Jahre Haft. Die Angst ist groß, dass Polizisten aus Hongkong oder gar vom Festland sich unter die vermummten Demonstranten mischen, um belastendes Material gegen sie zu sammeln oder in ihrem Namen gewaltsame Handlungen begehen. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht. Erst vor zwei Tagen hatte die Hongkonger Polizei bestätigt, dass sie mit Spezialkräften die Reihen radikaler Aktivisten infiltriert habe, um Festnahme durchzuführen. Dass auch Peking solche Kräfte einsetzt, was gegen die Autonomierechte Hongkongs verstoßen würde, ist bisher nicht belegt. Oft reichen schon ein paar Worte auf Mandarin, um entsprechende Gerüchte in die Welt zu setzen. Im Internet kursieren inzwischen Aufnahmen von angeblichen Dienstausweisen solcher Personen, deren Authentizität nicht geklärt ist.

          Sicher ist, dass das um sich greifende Misstrauen und die daraus resultierenden Überreaktionen ganz im Sinne Pekings sind. Den Aktivisten ist bewusst, dass hässliche Szenen wie jene vom Dienstagabend sie die Unterstützung in der Bevölkerung kosten können, ohne die die Bewegung schnell am Ende wäre. Sie können auch schnell zu Rissen zwischen den verschiedenen Lagern der Protestbewegung führen, so wie bei den Regenschirmprotesten im Jahr 2014. Zumal die Übergriffe auch daran erinnern, dass es in den Reihen der Aktivisten nicht wenige gibt, die ihren Widerstand und ihre Wut nicht allein gegen die chinesische Regierung richten, sondern gegen Festlandchinesen insgesamt.

          Tausende Demonstranten haben sich am Montag am Flughafen in Hongkong versammelt.

          Deshalb ergoss sich am Mittwoch in den Foren der Demonstranten eine Flut von Kritik über jene, die an den Übergriffe auf die beiden Männer beteiligt gewesen waren. Wie über die meisten Protestaktionen wurde auch über den Vorschlag abgestimmt, ob die Bewegung sich für die Übergriffe entschuldigen sollte. Dafür fand sich eine klare Mehrheit. Dazu wurde immer wieder auf eine Botschaft verwiesen, die der inhaftierte Aktivist Edward Leung, der eher zum radikalen Spektrum zählt, vor einigen Tagen veröffentlicht hatte: „Natürlich gibt es noch keine wirkliche Gerechtigkeit, und vielleicht sind eure Herzen deshalb voller Hass. So ist die Natur des Menschen“, schrieb er. „Aber ich ermahne euch, euch nicht von Hass kontrollieren zu lassen.“

          Peking ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen

          Die erhitzten Gemüter am Flughafen ließen auch erkennen, welche Probleme es womöglich aufwirft, dass die Bewegung sich bewusst entschieden hat, keinem Anführer zu folgen. Damit gibt es auch niemanden, der die Verantwortung für die Dynamik der Proteste trägt. Potentiell moderatere Stimmen wie jene der prodemokratischen Abgeordneten sind nur schwach zu vernehmen. Die Jugend lehnt ihren Ansatz als gescheitert ab. Einer der Abgeordneten, Fernando Cheung, half am Flughafen dabei, die „Freilassung“ des festgesetzten Reporters der „Global Times“ zu erwirken. Er bezeichnete das Verhalten der Aktivisten als „total inakzeptabel“, machte aber zugleich die Undercover-Taktik der Hongkonger Polizei dafür verantwortlich, dass Paranoia und Chaos um sich griffen. Er warnte vor einer weiteren Eskalation der Lage. Chinas Führung ließ sich die Gelegenheit freilich nicht entgehen, die Bewegung zu diskreditieren. Der Chefredakteur der „Global Times“, Hu Xijin, dessen Mitarbeiter geschlagen und festgesetzt wurde, schrieb noch vergleichsweise milde: „Das zeigt, dass sie jede Rationalität verloren haben. Hass hat ihnen die Sinne vernebelt.“

          Das Büro für Hongkong-Angelegenheiten in Peking bezeichnete die Übergriffe als „fast Terrorismus“. Und die Kommunistische Jugendliga veröffentlichte im sozialen Netzwerke Weibo einen Text, welcher der Volksbefreiungsarmee zugeschrieben wurde. Darin heißt es: „Nachdem Fu Guohao (der Reporter) geschlagen wurde, müssen wir sieben generelle Wahrheiten wissen“. Eine davon lautet: „Es sind nur zehn Minuten (Fahrt) vom Shenzhen Bay Sports Center nach Hongkong.“ Dazu ein Foto aus dem besagten Stadion mit Dutzenden geparkten Truppentransportern. Die Angst vor einem militärischen Eingreifen, auch wenn ein solches Szenario zum jetzigen Zeitpunkt als unwahrscheinlich gilt, sitzt tief. Auch sie trägt wohl dazu bei, dass die Emotionen in Hongkong hochschlagen.

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