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Proteste in Frankreich : Majestät, das Volk ist unberechenbar

Aber dieses Mal ist alles anders, es gibt weder Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen, die den Unmut organisieren und eventuell kanalisieren könnten. Das macht die Bewegung politisch so gefährlich, denn sie ist so unberechenbar wie Jacline Mouraud, die an überirdische Kräfte glaubt und hinter den Kondensstreifen der Flugzeuge am Himmel eine politische Verschwörung wittert.

„Mit der Politik wollen wir nichts zu tun haben“

Der Geograph Christophe Guilluy, der seit Jahren den schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt analysiert, spricht von einem Aufstand des „peripheren Frankreich“. Die Wut habe sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in den ländlichen Gegenden und den kleinen bis mittleren Städten angestaut, die von den wirtschaftlich starken Ballungsräumen immer mehr abgeschnitten seien. „Diese Franzosen sind ökonomisch und politisch immer weniger integriert“, sagte Guilluy in „Le Parisien“. Viele von ihnen machten von ihrem Stimmrecht nicht mehr Gebrauch. Sie erlebten direkt die Folgen der staatlichen Sparpolitik, bei ihnen sei das Krankenhaus, die Postfiliale und das Amtsgericht geschlossen worden. Sie seien zudem direkt von der Verödung der Innenstädte betroffen, in denen Bäckerläden, Metzgereien oder das Blumengeschäft dichtmachten, weil sie der Konkurrenz des Einkaufszentrums auf der grünen Wiese nicht standhielten. „Ihr Ressentiment gegen die Regierung ist gewaltig“, sagte der Geograph, der jüngst das Buch „No Society – Das Ende der westlichen Mittelschicht“ veröffentlicht hat.

„Mit der Politik wollen wir nichts zu tun haben“, sagt Priscilla Ludosky, welche die Internetpetition für die Proteste zum 17. November verfasste. Annähernd eine Million elektronische Unterschriften sammelte sie. Die Kosmetikerin wehrt sich gegen politische Vereinnahmungsversuche – doch mit nur mäßigem Erfolg. Marine Le Pen, die regelmäßig das „vergessene Frankreich“ abseits der boomenden Metropolen besuchte, sicherte der Bewegung „die volle Unterstützung“ der nationalen Sammlungsbewegung (RN) zu. „Wir sind das Volk“, überschrieb Gaetan Dussausaye aus dem RN-Vorstand ein Foto von sich in „gelber Weste“.

Die Republikaner (LR) ließen eine Million Flugblätter drucken, um die Steuerrevolte weiter anzufachen: „Zu viel ist zu viel.“ LR-Chef Laurent Wauquiez schloss sich in Le-Puy-en-Velay ohne gelbe Weste einer Demonstration an und appellierte an die Regierung, die Ökosteuer zurückzunehmen. „Umweltschutz ist zweitrangig“, sagte Wauquiez.

Der Wortführer der Linkspartei FI (Unbeugsames Frankreich), Jean-Luc Mélenchon, marschierte die Champs-Elysées hinunter bis vor die Nationalversammlung. „Majestät, Sie müssen sich besinnen und auf uns hören“, richtete er sich an Macron. Dem jungen Präsidenten wird von allen Seiten sein monarchischer Führungsstil vorgeworfen. Mélenchon verschwieg dabei, dass er im Präsidentenwahlkampf selbst einen „Ausstieg aus dem Diesel“ gefordert hatte.

Mehr als 283.000 Demonstranten, eine Tote, 229 Verletzte, davon sieben schwer, und 117 Festnahmen lautete die Bilanz des Innenministers am Ende des Tages. Die Zahlen wurden sofort in Frage gestellt. Der Präsident ließ sich nicht blicken. Aber er hatte schon zuvor sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass er die Franzosen nicht mit den politisch Verantwortlichen versöhnt habe. Die Wut der Wähler auf die beiden Parteien, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs die Regierungen stellten, trug Macron vor eineinhalb Jahren in den Elysée-Palast. Jetzt zeigt sich, wie beschwerlich der Weg hin zu einer politischen Befriedung noch werden wird.

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