https://www.faz.net/-gpf-9tdry

Wieder Proteste in Frankreich : Wut braucht keine gelbe Weste

Tränengas, Krawall, Flaggen, brennende Barrikaden: Die Proteste der „Gelbwesten“ jähren sich am Samstag zum ersten Mal. Bild: AFP

Ein Jahr nach dem Beginn der Proteste der „Gelbwesten“, ist Frankreich immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Präsident Macron konnte den Vorwurf der Arroganz der Macht bisher nicht abschütteln.

          3 Min.

          Noch einmal wollen sie an diesem Samstag die Champs-Elysées stürmen, das schwören sie sich zumindest dieser Tage in den sozialen Netzwerken. Die „Gelbwesten“ feiern zum ersten Jahrestag ihres Entstehens eine Renaissance. Auf ihre Wortführer richten sich nun wieder die Mikrofone und Kameras. Die Nachrichtensender, die monatelang ihr Programm mit Reportagen über „Gelbwesten“ füllten, lauern auf jedes Anzeichen eines wiederaufflammenden Protests. Die Spuren der Ausschreitungen und Brandstiftungen sind zwar verblasst, aber die Wut auf „die da oben“ ist geblieben. Das Nobelrestaurant Le Fouquet’s auf den Champs-Elysées, das in Flammen stand, hat eine neue rote Markise. Im Museum unter dem Triumphbogen, in dem „Gelbwesten“-Anhänger randalierten, sind die Glasvitrinen ersetzt und die Graffiti beseitigt. Die Revolutionsromantik hat sich nicht verflüchtigt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Fernfahrer Eric Drouet, ein bärtiger Mann, der gern mit Schlagstock demonstriert, nutzt das Medieninteresse, um zum „vereinten Kampf“ aufzurufen. „Feuerwehrleute, Notärzte, Arbeiter, Bauern, Arbeitslose, legt die gelbe Weste zur Seite und kommt auf die Straße“, sagte er. Drouet brachte vor einem Jahr die Bewegung ins Rollen, als er über seine Facebook-Seite „Frankreich in Wut“ die erste Demonstration organisierte. Das war am 17. November 2018, und Frankreich lebte fortan monatelang im Rhythmus der Protestaktionen. Drouet wurde wiederholt zu Geldstrafen verurteilt, auch wegen unerlaubten Waffenbesitzes, aber er will es weiterhin mit der Regierung aufnehmen.

          Die Autobahn blockieren

          An diesem Samstag will Drouet mit seinen Fernfahrerfreunden und anderen Sympathisanten die Pariser Ringautobahn Le Périphérique blockieren. Auch die Kosmetikhändlerin Priscillia Ludosky, die ebenfalls von Anfang an an den Protesten teilgenommen hatte, hofft auf ein „Comeback“. Sie hat bei der Polizeipräfektur sogar eine Demonstration anzumelden versucht, aber keine Antwort erhalten. Sie spricht von der „Arroganz der Macht“, an der sich nichts geändert habe. „Emmanuel Macron hat unsere Forderungen nie ernst genommen“, sagt sie im Fernsehen.

          Vor einem Jahr überrollte eine gelbe Wutwelle Frankreich.

          Der Eindruck, dass der Präsident weiterhin entrückt entscheidet, wird von vielen Franzosen geteilt. 69 Prozent gaben in einer jüngsten Umfrage des Instituts Odoxa-Dentsu an, dass die „Gelbwesten“-Proteste gerechtfertigt gewesen seien. 58 Prozent fanden, dass die Ergebnisse der Bewegung positiv seien. Macron hatte sich zu einem Marathon von Bürgergesprächen bereitgefunden und die Haushaltssanierung „suspendiert“, um soziale Maßnahmen zu finanzieren. Bei der Regierung ist eine gewisse Nervosität zu spüren. Die „Gelbwesten“ haben ein schwieriges Erbe hinterlassen, indem sie Gewalt im öffentlichen Raum zur Durchsetzung ihrer Forderungen legitimierten. Das Klima bleibt vergiftet.

          An den Universitäten ist die Lage explosiv. Kürzlich musste der frühere Präsident François Hollande unter Polizeischutz aus einem Hörsaal der Universität Lille gebracht werden. Der Sozialist wollte sein Buch vorstellen, stattdessen zerfetzten Studenten die mitgebrachten Exemplare und brüllten: „Hollande Mörder!“. In Lyon versuchte sich ein 22 Jahre alter Student selbst zu verbrennen, um auf seine prekären Lebensverhältnisse aufmerksam zu machen. Auf dem Hochschulcampus in Lyon, aber auch in Paris Saint-Denis kam es daraufhin zu Solidaritätskundgebungen und Universitätsbesetzungen, die mit Polizeigewalt aufgelöst wurden.

          Macron kündigt “starke Entscheidungen“ an

          Die Liste der Berufsgruppen, die mit Protesten auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam machen, wird immer länger. In den vergangenen Wochen haben Polizisten, Bahnbedienstete, Feuerwehrleute und Landwirte mit Streiks oder Kundgebungen ihre Malaise in die Öffentlichkeit getragen. Am Donnerstag organisierte das Personal der staatlichen Krankenhäuser - Ärzte eingeschlossen - überall im Land Protestmärsche. Auch Patienten beteiligten sich daran. Macron sah sich gezwungen, zu reagieren. „ Ich habe die Wut und die Empörung gehört“, sagte der Präsident in Epernay. Er kündigte „starke Entscheidungen“ an und sagte, es müsse noch mehr in die Krankenhäuser investiert werden als ursprünglich beabsichtigt.

          Aber für viele Franzosen sind die angekündigten „starken Entscheidungen“ nur noch Worthülsen, so oft sind sie mit ihnen abgespeist worden. Bei seinem Besuch in der Champagner-Stadt Epernay ließ Macron die Innenstadt weitläufig abriegeln, jegliche Demonstration wurde verboten. So arbeitete er selbst weiter an dem Bild eines Präsidenten, der sich den Bürgern entfremdet hat. Seine Beliebtheitswerte sind rückläufig, ohne dass sich dies an einem bestimmten Ereignis festmachen ließe. Nur noch 28 Prozent der Franzosen sind mit ihm zufrieden, 65 Prozent unzufrieden. Am 5. Dezember droht sich der Unmut zu entladen. Dann wollen alle Gewerkschaften im Nah- und Fernverkehr das Land lahmlegen, um gegen die geplante Rentenreform zu protestieren.

          Weitere Themen

          Ende mit Minimalbeschlüssen Video-Seite öffnen

          Klimagipfel in Madrid : Ende mit Minimalbeschlüssen

          Die UN-Klimakonferenz in Madrid ist nur mit Minimalbeschlüssen zuende gegangen. Die Delegierten aus fast 200 Ländern verständigten sich lediglich darauf, dass es eine Notwendigkeit gebe, die nationalen Klimaschutzziele anzuheben.

          Zusammenstöße bei Protesten in Beirut

          Libanon : Zusammenstöße bei Protesten in Beirut

          Kurz bevor die Beratungen zur Neubesetzung des Ministerpräsidenten-Posten beginnen, ist es in der libanesischen Hauptstadt zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen.

          Topmeldungen

          Ein regierungskritischer Demonstrant und Polizisten stoßen während eines Protests in Beirut zusammen.

          Libanon : Zusammenstöße bei Protesten in Beirut

          Kurz bevor die Beratungen zur Neubesetzung des Ministerpräsidenten-Posten beginnen, ist es in der libanesischen Hauptstadt zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.