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Proteste in Belarus : Sie lassen sich nicht einschüchtern

Proteste am Sonntag in Minsk. Bild: dpa

Wieder sind am Sonntag Zigtausende gegen Diktator Lukaschenka auf die Straße gegangen. Das Regime geht immer härter gegen die Demonstranten vor.

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          Der Sonntag ist in Belarus längst zum Hauptdemonstrationstag gegen die Diktatur Aleksandr Lukaschenkas geworden, Zigtausende beteiligen sich dann an Protestaktionen in vielen Städten. Auch an diesem Sonntag waren wohl neuerlich mehr als 100.000 Menschen unterwegs, manche schätzten die Zahl am Nachmittag auf 150.000 – und das, obwohl die Sicherheitskräfte immer härter gegen die Demonstranten vorgehen. Ein Großaufgebot aus Schlägern in Zivil mit schwarzen Masken, Männern mit Helmen in Flecktarn mit Schulterpanzern sowie Soldaten war bestrebt, die vielen Kolonnen von Demonstranten aufzuhalten, die aus ihren Wohnvierteln ins Zentrum der Hauptstadt zogen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Rund 250 Menschen wurden in verschiedenen Bezirken von Minsk festgenommen, teilte das Innenministerium schon am Nachmittag mit, als die Demonstration erst Fahrt aufnahm. Sie hätten „Flaggen und andere Symbolik benutzt, die nicht ordnungsgemäß registriert worden sind, und Plakate unterschiedlichen, unter anderem beleidigenden Inhalts“, hieß es weiter. Gemeint waren wohl die weiß-rot-weißen Flaggen der Protestbewegung, die im Kontrast zum offiziellen Rot-Grün mit traditionellen Ornamenten am Rand stehen.

          Das Innenministerium behauptete am Nachmittag, in Minsk beteiligten sich höchstens 3000 Menschen an der Aktion. Diese stand unter dem Motto „Marsch der Helden“, nach neuen Festnahmen unter der Woche, die den Koordinationsrat der Lukaschenka-Gegner schwächen sollten. Das Präsidiumsmitglied des Gremiums Marija Kolesnikowa hatte sich der Abschiebung entzogen, indem sie im Niemandsland zwischen Belarus und der Ukraine ihren Pass zerriss und sich dann festnehmen ließ. Ihr und zwei weiteren Lukaschenka-Gegnern wird jetzt der Versuch einer „bewaffneten Machteroberung“ vorgeworfen.

          Kolesnikowa wurde laut ihren Mitstreitern am Samstag aus einem Minsker Untersuchungsgefängnis in eine Haftanstalt der nahen Stadt Schodino verlegt. Auch dort gab es Proteste, bei denen ein Polizeimajor einer Frau ausweislich von Videoaufnahmen so heftig ins Gesicht schlug, dass sie stürzte. Brutal gingen die Einsatzkräfte auch vor, als am Samstag Tausende Frauen an einem neuen „weiblichen Marsch“ in Minsk teilnahmen. Ein Video zeigte, wie Einsatzkräfte eine Frau mit Wucht in einen Arrestwagen schleuderten, wobei ihr Kopf gegen die Metalltür stieß. Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben in der Hauptstadt am Samstag 99 Personen festgenommen.

          Sorgen bereitete am Wochenende überdies der Gesundheitszustand des seit Ende Juli inhaftierten Politikberaters Vitali Shkliarov. Dessen Anwalt teilte mit, seit 8. September leide Shkliarov an 39 Grad Fieber, Schüttelfrost und Husten, aber man lasse ihn keinen Test auf das Coronavirus machen. Zudem sei ein Finger seines Mandanten gebrochen, wobei Shkliarov, der „stark eingeschüchtert“ wirke, sich nicht zu den Umständen des Bruchs habe äußern wollen. Das Regime wirft Shkliarov die Vorbereitung von Ordnungsverstößen vor, das Staatsfernsehen hat ihn mit Sergej Tichanowskij in Verbindung gebracht, dem seit Ende Mai inhaftierten Mann von Swetlana Tichanowskaja, die den Sieg in der jüngsten Präsidentenwahl beansprucht und nach der Wahl nach Litauen geschafft wurde.

          Am Sonntagabend waren Einsatzkräfte bestrebt, zu verhindern, dass Demonstranten zu dem Elitewohnviertel „Drosseln“ vordringen konnten, in dem eine Residenz Lukaschenkas liegt und wo auch weitere ranghohe Mitglieder des Regimes leben. Lukaschenka will an diesem Montag in Sotschi an Russlands Schwarzmeerküste Präsident Wladimir Putin treffen.

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