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Proteste im Irak : Augenzeugen: Erstmals scharfe Munition gegen Demonstranten eingesetzt

  • Aktualisiert am

Ein Demonstrant auf dem Tahrirplatz in Bagdad am Sonntag Bild: dpa

Seit Wochen breiten sich die Proteste im Irak über das Land aus. Die Wut der Menschen richtet sich gegen Korruption und Misswirtschaft, aber auch gegen den Einfluss des Nachbarn Iran. Seit Beginn der Proteste wurden schon 250 Menschen getötet.

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          Bei den Protesten im Irak haben die Sicherheitskräfte nach Angaben von Augenzeugen am Montag erstmals in Bagdad mit scharfer Munition auf die Demonstranten geschossen. Wie die Augenzeugen berichteten, fielen die Schüsse in der Umgebung des Sitzes des Staatsfernsehens in der irakischen Hauptstadt. Seit Beginn der Proteste gegen die Regierung im Irak am 1. Oktober wurden nach AFP-Informationen landesweit etwa 270 Menschen getötet.

          Bislang waren die Sicherheitskräfte im Land vor allem mit Tränengas gegen die Demonstranten vorgegangen. Zuletzt wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen und von Rettungskräften mehrere Demonstranten durch Tränengas-Granaten getötet. Diese seien deutlich gefährlicher als herkömmliche Tränengas-Granaten und können nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International Schädel durchschlagen.

          In der Nacht zum Montag wurde dann aus der Stadt Kerbela berichtet, dass dort mehrere Menschen von Sicherheitskräften erschossen wurden. Die Demonstranten hatten versucht, das iranische Konsulat in Brand zu setzen.

          Die Wut richtet sich mehr und mehr gegen Iran

          Die Wut der Demonstranten im Irak, die mittlerweile einen "Sturz des Regimes" fordern, richtet sich seit Tagen vermehrt auch gegen den benachbarten Iran. Der Iran hat wie auch die Vereinigten Staaten großen Einfluss im Irak. Während sich Washington mit Äußerungen zur Krise in dem Land bisher zurückhielt, reiste der iranische General Ghassem Suleimani im vergangenen Monat mehrfach in den Irak.

          Suleimani ist der Kommandeur der Elitetruppe für Auslandseinsätze der Revolutionsgarden. Er spielte in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle bei der Koordination des Kampfes gegen Gegner der Regierung von Staatschef Baschar al Assad in Syrien. Im Iran gilt der General als Kriegsheld und genießt großes Ansehen.

          „Kerbela frei, raus mit dem Iran“, stand auf Fahnen, die Demonstranten in der Nacht zum Montag vor der diplomatischen Vertretung des Irans in der heiligen Stadt der Schiiten schwenkten. Teilnehmer versuchten nach Berichten von AFP-Korrespondenten,  über die Mauern des Konsulats zu klettern und Feuer zu legen. Sicherheitskräfte gaben daraufhin Schüsse ab.

          Bagdad am Sonntag: Demonstranten versammeln sich auf dem Tahrir-Platz
          Bagdad am Sonntag: Demonstranten versammeln sich auf dem Tahrir-Platz : Bild: dpa
          Wut auf Iran und Amerika: Ein Demonstrant in Bagdad
          Wut auf Iran und Amerika: Ein Demonstrant in Bagdad : Bild: dpa

          Im Irak protestieren seit Anfang Oktober Zehntausende gegen Korruption und die hohe Arbeitslosigkeit im Land. Die Demonstranten werfen dem Nachbarstaat Iran auch vor, für das korrupte System im Irak mitverantwortlich zu sein.

          250 Menschen wurden seit Beginn der Proteste getötet

          Die von Studenten und Gewerkschaften organisierte Protestbewegung wendet sich mittlerweile gegen die gesamte politische und religiöse Führung des Landes. Bislang wurden mehr als 250 Menschen bei den Protesten getötet, die meisten von ihnen  Demonstranten. 

          Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi rief die Bevölkerung am Sonntagabend auf , „zum normalen Leben zurückzukehren“. Zahlreiche Forderungen der Protestbewegung seien bereits erfüllt worden.

          Die bisherigen Zusagen zu vorgezogenen Neuwahlen und Reformen beschwichtigten die Demonstranten bisher jedoch nicht. In zahlreichen Städten des Landes gab es weiter  Protestaktionen. Im südlichen Amara blockierten Demonstranten den Zugang zu zwei Ölfeldern, in der südlichen Stadt Um Kasr den Weg zum Hafen. Dutzende Schiffe konnten dort nach Angaben aus Behördenkreisen nicht entladen werden.

          Für alles gerüstet: Ein Demonstrant trägt Flaschen, die mit Mineralwasser und Hefe gefüllt sind, um die Effekte von Tränengas zu lindern.
          Für alles gerüstet: Ein Demonstrant trägt Flaschen, die mit Mineralwasser und Hefe gefüllt sind, um die Effekte von Tränengas zu lindern. : Bild: dpa

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