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Proteste gegen Orbán : Ungarns kalter Bürgerkrieg

„Wir werden keine Kolonie sein!“: Bei der Demonstration für die Regierung Orbán am 21. Januar marschierte Zsolt Bayer in der ersten Reihe (zweiter von links)
          7 Min.

          Der Journalist Zsolt Bayer ist so etwas wie der Lieblingsfeind liberaler und linker ungarischer Intellektueller, vielleicht sogar noch vor Ministerpräsident Viktor Orbán. Bayers Artikel in der Zeitung „Magyar Hirlap“, in denen er eine gewisse Vorliebe für Körperausscheidungen und Hautkrankheiten zeigt, haben in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Skandalen mit internationaler Resonanz hervorgerufen - für einen Kommentator eines Blattes mit einer Auflage von nur 25.000 Exemplaren ist das keine schlechte Leistung.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Den Auftakt machte im Frühjahr 2008 ein Beitrag, in dem er sich über die Kritik jüdischer Budapester Intellektueller an Orbáns damals noch oppositioneller nationalkonservativer Partei Fidesz erregte. Bayer schrieb, diese Leute „pissen in das Schwimmbecken der Nation“, und wenn man das kritisiere, werde einem Antisemitismus vorgeworfen: „Sie fallen über uns alle her, denn sie hassen uns mehr, als wir sie hassen können. Sie sind unsere Rechtfertigungsjuden, was bedeutet: Ihr bloßes Dasein rechtfertigt den Antisemitismus.“

          Auf dem Höhepunkt des Streits zwischen der EU und der ungarischen Regierung über deren Mediengesetz Anfang vorigen Jahres bezeichnete er den britischen Journalisten Nick Cohen wegen Orbán-kritischer Kommentare als „stinkendes Exkrement“ und bedauerte, dass bei einem Massaker weißer Truppen nach Niederschlagung der kommunistischen Räterepublik 1919 nicht genug Feinde Ungarns „bis zum Hals“ im Wald verscharrt worden seien. Die Aufzählung ließe sich fast beliebig lange fortsetzen. Der jüngste Vorfall ist erst einige Tage alt: In einer Fernsehdiskussion über eine Anhörung des EU-Parlaments zu den von der Europäischen Kommission beanstandeten ungarischen Gesetzen bezeichnete Bayer die österreichische Grünen-Politikerin Ulrike Lunacek Mitte Februar als „gehirnamputierte, an Krätze leidende Idiotin“ und, ganz nachsichtig, die EU-Kommissarin Nelly Kroes als „bemitleidenswerte Idiotin“.

          Die Nähe wirkt wie ein Verstärker

          Dass Bayers Äußerungen solche Aufmerksamkeit finden, liegt nicht nur an seiner Wortwahl - bei anderen würden ähnliche Formulierungen wohl wirkungslos verpuffen. Doch die Zeitung „Magyar Hirlap“ und ihr Eigentümer Gábor Széles stehen Orbáns Fidesz nahe - und Bayer selbst ist aus Jugendtagen mit dem ungarischen Ministerpräsidenten befreundet. Beide gehörten zu jener Gruppe junger Intellektueller, die im Frühjahr 1988 in einem Budapester Studentenwohnheim die heute Regierungspartei Fidesz als - damals radikalliberale - Oppositionsgruppe gegen die kommunistische Diktatur gründeten.

          Ministerpräsident Orbán und der Populist Bayer sind Jugendfreunde
          Ministerpräsident Orbán und der Populist Bayer sind Jugendfreunde : Bild: dapd

          Die Beziehung ist bis heute nicht abgerissen: Es gibt auch aus neuer Zeit zahlreiche Bilder, die Orbán und Bayer Seite an Seite zeigen. Diese Nähe wirkt wie ein Verstärker für die Worte Bayers. Jede seiner verbalen Pöbeleien wird von den Gegnern der ungarischen Regierung Fidesz und Orbán angehängt - Bayer dient als Beweisstück dafür, dass Ungarn unter Orbán sich zu einem Staat der Intoleranz, des Rassismus und des Antisemitismus entwickle, zu einer Schande für Europa. Das funktioniert auch deshalb gut, weil Orbán auf die regelmäßigen Aufforderungen nicht reagiert, sich von Bayer zu distanzieren.

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