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Protest in Frankreich : „Sie können uns nicht einfach so fallen lassen“

Gasflaschen als Drohkulisse vor dem Werk in Châtellerault Bild: AFP

Die Beschäftigten des insolventen französischen Autozulieferers „New Fabris“ in Châtellerault drohen damit, ihre Fabrik in die Luft zu sprengen, sollten sie nicht Abfindungen zugesagt bekommen. Der wichtigste Berater von Präsident Sarkozy warnt vor einer „sozialen Explosion“.

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          „Wir wollen eine Abfindung“ steht in großen Lettern an der Fabrikwand. Auf dem Anbau, der das Elektrizitätswerk der Fabrikanlage beherbergt, stehen ein dutzend Gasflaschen. Die Beschäftigten des insolventen französischen Autozulieferers „New Fabris“ in Châtellerault drohen damit, ihre Fabrik in die Luft zu sprengen, sollten sie nicht jeder 30.000 Euro Abfindung zugesagt bekommen. 366 Mitarbeiter zählt das Werk im Herzen der Region Poitou-Charentes, das ausschließlich für die französischen Autokonzerne Renault und PSA Peugeot Citroen Teile fertigte.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Krise hat den Zulieferer voll getroffen, denn Renault und PSA stellten ihre Aufträge ein - das Aus für den Betrieb. Die Mitarbeiter wollen die beiden Autokonzerne zur Rechenschaft ziehen. „Sie können uns nicht einfach so fallen lassen“, sagt Guy Eyermann von der Gewerkschaft CGT. Eyermann verlangt von Renault und PSA, Abfindungen an jeden Beschäftigten zu zahlen. Erste Verhandlungen sind mit dem Verweis darauf, dass „New Fabris“ schließlich nur ein Klient sei, bislang gescheitert.

          Eyermann behauptet stattdessen, dass die beiden Automobilhersteller den Zulieferungsbetrieb nicht rechtzeitig über die Einstellung der Aufträge informiert hätten. Der Konflikt eskaliert, seit die Beschäftigten das Lager von „New Fabris“ unter ihre Kontrolle gebracht haben. Angeblich sind im Fabrikinneren schon Gasflaschen aufgestellt, um alle Autoteile und Maschinen von einem geschätzten Wert von vier Millionen Euro explodieren zu lassen.

          Die Rädelsführer der „Revolte” haben Renault und PSA Peugeot Citroen ein Ultimatum gesetzt
          Die Rädelsführer der „Revolte” haben Renault und PSA Peugeot Citroen ein Ultimatum gesetzt : Bild: AFP

          Die Rädelsführer der „Revolte“ haben Renault und PSA Peugeot Citroen ein Ultimatum gesetzt: Sollten sie bis Ende Juli kein Angebot unterbreiten, werden die Gasflaschen entzündet. „Wir werden nicht August oder September abwarten, bis PSA und Renault gelagerte Teile und Maschinen aus der Fabrik holen“, sagte Eyermann. „Wenn wir nichts bekommen, werden sie auch nichts bekommen.“

          Die New Fabris Belegschaft beruft sich auf den Präzedenzfall bei dem insolventen Autozulieferer Rencast, der 200 Mitarbeiter entlassen musste. Hier sprangen die beiden mit Staatshilfen versorgten Automobilkonzerne bei den Abfindungszahlungen ein. Die französische Regierung reagiert zurückhaltend. Bislang sind keine Ordnungskräfte entsandt worden, um die besetzte Fabrik räumen zu lassen. Für Präsident Sarkozy steht auch die Glaubwürdigkeit der Millionenhilfen auf dem Spiel, die er den Automobilkonzernen zukommen ließ. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass hinter den Kulissen Druck auf Renault und PSA Peugeot ausgeübt wird, sich nachgiebig zu zeigen, hängen sie schließlich auch am Tropf der Staatssubventionen.

          Berater von Sarkozy: „Risiko einer sozialen Explosion“

          Hinzu kommt, dass der Konflikt ausgerechnet in der Region Poitou-Charentes stattfindet, die von der Sozialisten Ségolène Royal geleitet wird. Kurz vor den Regionalwahlen im März 2010, bei denen sie ein neues Mandat erringen wird, ist damit zu rechnen, dass die Sozialistin sich mit den aufgebrachten Arbeitern solidarisiert. Sie hatte dies schon bei dem Konflikt um die Rettung des Automobilzulieferers Heuliez getan. Im Elysée-Palast fürchtet man sich zusehends vor der Eskalation sozialer Konflikte. Nach der Serie des „Bossnapping“, der Geiselnahme von Unternehmensleitern durch aufgebrachte Beschäftigte, will die Staatsführung eine neue Welle von Erpressungen vermeiden. Immer wieder ist es in der Vergangenheit zu spektakulären Protestaktionen gekommen. Im Juli 2000 drohten Mitarbeiter der Fabrik Cellatex, gefährliche Chemikalien in den Meuse-Fluss zu kippen und die Fabrik in die Luft zu sprengen. Im November 2001 setzten Beschäftigte von Moulinex die Explosionsdrohung ein, um ihre Abfindungen in die Höhe zu treiben. Sie steckten einen Teil der Fabrik in Brand.

          Die Mitarbeiter des Reifenherstellers Continental randalierten im April in der Unterpräfektur von Compiègne in Nordfrankreich und richteten dabei erheblichen Sachschaden an. „Das Risiko für Frankreich ist nicht das einer Revolution. Es ist das einer sozialen Explosion“, sagte Henri Guaino, der wichtigste Berater Präsident Sarkozys am Montag.

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