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Protest in Frankreich : Das Land in der Revolte

Protest in Paris gegen die Rentenreform: Die Jugend meldet sich immer lauter zu Wort Bild: dapd

In Frankreich gehört der Streik zur politischen Kultur. Die Anforderungen an den Arbeitskampf sind gering, Unmut in den Betrieben findet radikale Ausdrucksformen, die Politik schaut zu. Und die Jugend probt via Internet den Aufstand. Ein Krisenpanorama.

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          Der Aufruf kam über Facebook: „Wir blockieren das Gymnasium.“ Am nächsten Morgen standen die Oberschüler von „Jeanne d'Albret“ mit selbstgemalten Leinentüchern vor dem Eingang ihres Schulgebäudes. Julien hatte seine Freunde über das Internetportal zu dem Protest gegen die Rentenreform angestachelt. Jeder Facebook-„Freund“ aktivierte wiederum sein privates „Netzwerk“.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Dass sich junge Leute wie aus diesem Pariser Vorstadtgymnasium übers Internet zusammentrommeln, ist in diesem „vorrevolutionären Herbst“, so die Zeitschrift „Marianne“, kein Einzelfall. Frankreichs Protestjugend organisiert sich online. Nicht nur die Regierung fürchtet sich vor den „unberechenbaren“ Aktionen einer in den modernen Kommunikationsmethoden geschulten Generation. „Wir fühlen uns manchmal etwas ausgebremst durch individuelle Initiativen, die dank des Internets schnell großen Zulauf finden“, sagt Julianne Charton, Schatzmeisterin der „Union nationale lycéenne“ (UNL), eine der gewerkschaftsähnlich strukturierten Organisationen an den französischen Oberschulen.

          Die traditionellen Aktionsformen wie Vollversammlungen mit langen Debatten, Urabstimmungen und per Flugzettel verteilte Demonstrationsaufrufe würden immer stärker verdrängt, sagt die UNL-Schatzmeisterin. „Per SMS oder Facebook geht es einfach schneller“, sagt Julianne Charton.

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          „Die Regierung behandelt uns wie Unmündige“

          In der Protestbewegung gegen die Reform des französischen Rentensystems meldet sich die Jugend immer lauter zu Wort. Premierminister Fillon mutmaßte, es handele sich um Aktionen einer von linken Parteien oder Gewerkschaften geschickt manipulierten Generation. Doch die Oberschüler, die sich den Protesten angeschlossen haben, bringen Parteien oder Gewerkschaften nur geringes Vertrauen entgegen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, in eine Partei einzutreten. Die sind doch alle verlogen und nur um ihren persönlichen Vorteil bemüht“, sagt die 16 Jahre alte Laure, die an einem der nationalen Protesttage gegen die Rentenreform demonstriert.

          Sie habe von einer Freundin per SMS von dem geplanten Streik erfahren und spontan „oui“ zurückgesimst. „Die Regierung versucht, uns wie Unmündige zu behandeln, die nicht wissen, warum es bei der Reform des Rentensystems geht. Der wollen wir jetzt zeigen, dass sie uns ernst nehmen muss“, sagt Laures Freundin Marie-Christine.

          Im Internet organisieren die Oberschüler eine Vielzahl von Gesprächsforen zu ihren Protesten. „Ich möchte nur wissen, welche anderen Oberschulen blockiert sind und mich vergewissern, dass wir nicht die einzigen sind“, schreibt ein Oberschüler aus Le Mans in der Bretagne. Ein anderer warnt, dass die Protestaufrufe im Internet gefährlich seien: „Alle können sie einsehen, also auch die Polizei und die Schulleitung“, schreibt ein junger Mann aus Straßburg.

          Spektakuläre Spontanaktionen de „Ungehorsamen“

          Internet und Mobilfunktelefone haben die Protestformen und die Teilhabe am politischen Meinungsbildungsprozess in Frankreich revolutioniert. Davon ist auch Xavier Renou überzeugt, der in Paris sein eigenes Netzwerk „Die Ungehorsamen“ („Les Désobéissants“) gründete. Als „Chef der Ungehorsamen“ hat sich Renou auf spektakuläre Spontanaktionen spezialisiert, die er per SMS vorbereitet. „Ein Ort, ein Anliegen“, nennt Renou sein Motto.

          Sein „Kapital“ sind 4000 Kontakte, die er jederzeit aktivieren kann. Wie zum Beispiel im April 2008, als er sich mit seinen „Ungehorsamen“ entschloss, den feierlichen Lauf mit der olympischen Flamme durch Paris zu stören, um gegen Chinas Tibetpolitik zu protestieren. Nicht immer schafft Renou es in die Schlagzeilen. Er protestiert gegen Luftverpestung oder gegen die überteuerten Wohnungsmieten in der französischen Hauptstadt, gegen Werbung in den Briefkästen oder die französische Ruanda-Politik. „Die traditionellen Formen der politischen Beteiligung sind erschöpft.

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