https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/protest-im-staatsfernsehen-owsjannikowa-will-in-russland-bleiben-17883496.html

Journalistin nach Protest : „Ich kann nicht mehr zurück in mein altes Leben“

  • Aktualisiert am

Vergangenen Montag hält Marina Owsjannikowa ihr Plakat in die Kamera. Bild: dpa

Für Marina Owsjannikowa gibt es „kein Zurück“ mehr. Im Interview sagt die Redakteurin, sie wolle Russland dennoch nicht verlassen. Und sie schildert, wie ihre weltweit Aufsehen erregende Aktion im Staatsfernsehen genau ablief.

          2 Min.

          Die russische TV-Journalistin, die in den Nachrichten des Staatsfernsehens mit einem Plakat gegen den Krieg in der Ukraine protestiert hat, will trotz Angst um ihre Sicherheit ihr Land nicht verlassen. „Wir werden in Russland bleiben“, sagte Marina Owsjannikowa in einem Interview des „Spiegel“ mit Blick auf ein Asylangebot von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Sie hat einen 17 Jahre alten Sohn und eine elf Jahre alte Tochter.

          Zwar mache sie sich große Sorgen, aber: „Ich bin Patriotin, mein Sohn ein noch viel größerer. Wir wollen auf keinen Fall weg, nirgendwo hin auswandern.“ Dabei wisse sie: „Mein Leben hat sich für immer verändert, das begreife ich erst langsam. Ich kann nicht mehr zurück in mein altes Leben.“

          Die Redakteurin des russischen Staatsfernsehens hatte am Montagabend in den Hauptnachrichten des Ersten Kanals ein Protestplakat gegen den Krieg in der Ukraine in die Kamera gehalten. Auf dem Plakat war auch zu lesen, dass die Zuschauer „hier belogen“ werden. Zudem bezeichnete Owsjannikowa den russischen Angriff auf die Ukraine in einem separat aufgenommenen Video als Verbrechen.

          Überraschende Aktion

          Im „Spiegel“-Interview schilderte Owsjannikowa, sie habe vor der Protestaktion ihre Arbeit begonnen wie an jedem anderen Tag. Sie habe im Studio beobachtet, wo genau die Kameras stehen, wie sie sich bewegen, wo sie sich hinstellen könne. „Ich hatte große Angst, am Ende könnte alles umsonst sein, wenn mich keiner zu sehen bekäme“, sagte die Journalistin.

          Marina Owsjannikowa erklärte ihre Aktion in einem Video.
          Marina Owsjannikowa erklärte ihre Aktion in einem Video. : Bild: dpa

          Dann sei sie schnell ins Studio gelaufen: „An dem Polizisten vorbei, der immer Dienst hat bei uns.“ Der habe nicht mehr reagieren können. Nach der Aktion sei sie schnell wieder zu ihrem Arbeitsplatz zurückgekehrt und habe gewartet, sagte die Journalistin. „Dann kamen viele Chefs zu mir – alle fragten: 'Waren Sie das?' Keiner wollte das so recht glauben.“

          In russischen Staatsmedien ist es untersagt, von einem Krieg zu sprechen. Die Staatsführung nennt das Vorgehen im Nachbarland eine „militärische Spezialoperation“ zur „Entmilitarisierung“ und zur „Entnazifizierung“ der Ukraine.

          „Kein Zurück mehr“

          Derzeit verstecke sie sich bei Freunden, sagte Owsjannikowa dem „Spiegel“. Sie habe große Angst vor den Folgen ihres Handelns und bange um ihre Sicherheit. Ihr Sohn habe ihr vorgeworfen, sie habe das Leben „von uns allen zerstört“. Aber sie „habe bereits den Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt“, sagt die Journalistin. „Ich kann nun offen und öffentlich so sprechen.“ Zum Zeitpunkt ihrer Protestaktion habe sie nicht an die weitreichenden Konsequenzen gedacht, sagte Owsjannikowa. „Sie werden mir nun bewusst. Jeden Tag mehr und mehr“, sagte die 43-Jährige.

          Owsjannikowa war für ihre Aktion bereits am Dienstag zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel, rund 226 Euro, verurteilt worden. Möglicherweise droht ihr aber noch eine weitere Strafe: Es seien Ermittlungen wegen der angeblichen Verbreitung von Lügen über Russlands Streitkräfte aufgenommen worden, meldete die Staatsagentur Tass unter Berufung auf eine Quelle bei den Ermittlungsbehörden. Befürchtet wurde, dass Owsjannikowa nach dem neuen Mediengesetz belangt werden könnte, das bis zu 15 Jahre Haft vorsieht.

          „Propaganda unmöglich zu ertragen“

          Das Bewusstsein für eine Realität jenseits der offiziellen Sicht der russischen Staatsführung habe sie auch im Umgang mit Auslandsnachrichten und ausländischen Medien entwickelt.

          „Ich verstehe, dass jeder Staat für seine Interessen kämpft, wir uns in einem Informationskrieg befinden“, sagte die Journalistin. „In unserem Land hatte die Staatspropaganda aber schon vor dem Krieg in der Ukraine schreckliche Formen angenommen. Jetzt mit Beginn des Krieges ist es unmöglich, die Propaganda zu ertragen.“

          Nach ihrer Aktion werde ihr Leben nun „ganz anders“ werden, meint Owsjannikowa, auch wenn sie nicht wisse, was wird. „Planen kann sowieso niemand mehr.“ Der russische Krieg gegen die Ukraine habe „alle Pläne zerstört“.

          Die russischen Behörden haben seit Beginn des Einmarschs in die Ukraine den Zugang zu Online-Medien und Online-Netzwerken massiv eingeschränkt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kampfpanzer für die Ukraine : Leoparden auf dem Sprung

          14 Leopard-Panzer liefert Deutschland an die Ukraine. Was macht den Leopard 2 besonders und wie schlägt er sich gegen die russischen Modelle? Ein Überblick in Grafiken.
          Die lokalen Stromverteilnetze könnten zum Engpass für die Energiewende werden.

          Energiewende : Mit Anreizen gegen die Stromrationierung

          Von Tesla bis Viessmann: Unternehmen wettern gegen die geplante Begrenzung der Stromversorgung für E-Autos und Wärmepumpen. Nun präsentieren sie Ideen, wie es ohne gehen könnte. Im Mittelpunkt stehen dabei die Verbraucher.
          BASF-Anlage in Ludwigsburg: Auf seine Beteiligung an Wintershall Dea musste der Chemiekonzern  5,4 Milliarden Euro abschreiben. (Symbolfoto)

          Nach BASF-Abschreibungen : Teurer Abschied aus Russland

          BASF muss Milliarden aus dem Russlandgeschäft von Wintershall abschreiben. Auch für andere Dax-Unternehmen wird der Ausstieg aus Putins Reich noch teuer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.