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Hongkong grüßt mit Protest : „Wir wollen Xi Jinping beschämen“

Helikopter fliegen mit der chinesischen Flagge und einer kleineren Flagge von Hongkong über die von Unruhen geschüttelte Stadt. Bild: Reuters

Trotz Verbots wollen in Hongkong auch am 70. Gründungstag der Volksrepublik China wieder viele Menschen demonstrieren: Sie sehen ihre letzte Chance, für Demokratie und Freiheit zu kämpfen. Die Polizei warnt, dass es „sehr, sehr gefährlich“ werde könne.

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          Das Feuerwerk wurde abgeblasen, die Flaggenzeremonie deutlich heruntergefahren: Hongkong fügt sich nicht in den patriotischen Rausch, der die Volksrepublik am 70. Jahrestag ihrer Gründung erfasst hat. Die Protestbewegung, die die Sonderverwaltungszone seit 17 Wochen in Atem hält, will das Ereignis trotzdem begehen: als „nationalen Tag der Trauer“, wie zwei vermummte Demonstranten am Vortag in einer Stellungnahme mit viel Pathos in der Stimme angekündigt hatten.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Sie taten dies an einem Monument im Stadtteil Hongkong Central, mit dem gefallener Soldaten gedacht wird. Dazu passend gaben sie die Losung für diesen Dienstag aus: „Gebt uns Freiheit, oder Tod“.  Doch auch die Moderaten unter den Demonstranten zeigten sich trotzig. „Ich kann nicht einfach Zuhause sitzen bleiben“, sagte Figo Chan Ho-wun, ein Mitglieder der Civil Human Rights Front, die den Protestmarsch angemeldet hatte.

          Dass sich die Regierung in Peking durch Demonstrationen und Ausschreitungen an dem wichtigen Feiertag provoziert fühlen wird, dürfte den meisten klar sein. Doch der Jahrestag ist die Gelegenheit zu zeigen, wer die eigentlichen die Adressaten der Proteste sind: Nicht die Lokalregierung in Hongkong und ihre zunehmend handlungsunfähige Chefin Carrie Lam, die für die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag selbst nach Peking gereist ist.

          „Es geht um unsere Identität als Hongkonger“

          Es ist vielmehr die Führung in Peking selbst, die in Hongkong die Fäden zieht. „Ja, wir wollen Xi Jinping beschämen. Wir wollen dem Regime unsere Wut direkt zeigen“, sagt Zoey Leung von der Studentenvereinigung der Baptist University in Hongkong. Seit der Regenschirm-Bewegung im Jahr 2014 fühlten sich die Menschen hier weniger als Chinesen und immer mehr als Hongkonger. „Es geht um unsere Identität als Hongkonger“, sagt Zoey Leung.

          Für Dienstag wurde mit Protesten und Ausschreitungen an diversen Orten über die Stadt verteilt gerechnet. Der Tag beginnt schon mit vereinzelten Kundgebungen in der Nähe des Kongresszentrums, in dem die offizielle Feier zum Gründungstag der Volksrepublik abgehalten wurde. Geladene Gäste können auf einer Leinwand verfolgen, wie eine Ehrengarde die chinesische Nationalflagge hisste. Dazu fliegen zwei Hubschrauber mit den Fahnen Chinas und Hongkongs über den Hafen, wobei die Flagge Hongkongs deutlich kleiner ist als die chinesische.

          Laut „South China Morning Post“ sind 6000 Polizisten im Einsatz, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Diverse U-Bahn-Stationen bleiben geschlossen. In seiner Rede sagt der Chefsekretär für die Verwaltung, Matthew Leung, der anstelle Lams die Zeremonie leitet, Gewalt sei niemals eine Lösung.  

          Letzte Chance für Demokratie und Freiheit

          Schon am Morgen um acht Uhr setzt die Polizei Pfefferspray ein, als es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und chinafreundlichen Gegendemonstranten kommt. Diese hätten zuvor die Nationalhymne gesungen, berichtete die „South China Morning Post“. Die Polizei hatte schon gewarnt, dass es am Dienstag „sehr, sehr gefährlich“ werde könne. Es seien Angriffe auf Beamte und Zivilisten und auf Gebäude mit Brandbomben zu erwarten. Hinter derartigen Warnungen steckt sicherlich auch die Hoffnung, dass es die nicht militanten Demonstranten abhalten könnte, an den Protesten teilzunehmen. Doch viele sehen ihre letzte Chance gekommen, sich für Demokratie und Freiheit einzusetzen. Sie rechnen damit, dass die Behörden ihr Vorgehen weiter verschärfen könnten, wenn der 70. Jahrestags vorbei ist.

          Tatsächlich hat sich die Gewalt über die vergangenen Wochen hochgeschaukelt. Am Wochenende war es zu den wohl bisher schwersten Ausschreitungen gekommen. Die Polizei war mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen auf die Demonstranten losgegangen. Diese hatten Brandbomben geworfen, Feuer gelegt und Scheiben eingeschlagen. Zum zweiten Mal in diesen Monaten der Unruhe wurde scharf geschossen. Offenbar hatte ein Polizist, der sich als Straßenkämpfer verkleidet hatte, den Schuss in die Luft abgegeben. Zuvor war er mit weiteren Undercover-Polizisten enttarnt und von Dutzenden Aktivisten angegriffen worden.

          Nach eigenen Angaben hatte die Polizei am Wochenende 157 Personen festgenommen, darunter 67 Studenten. 328 Kanister mit Tränengas und 306 Gummigeschosse wurden eingesetzt. Dutzende Personen wurden ins Krankenhaus gebracht, 100 Menschen festgenommen. Eine indonesische Journalistin wurde den Angaben ihres Anwalts zufolge von einem Gummigeschoss am Auge verletzt.

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