https://www.faz.net/-gpf-9vaib

Protest gegen Iran : Uns gibt es auch noch

Iranische Studenten demonstrieren vor der Amir-Kabir-Universität in der Innenstadt von Teheran nach einer Trauerfeier für die Opfer des Flugzeugabsturzes. Bild: dpa

Hunderttausende Getreue des Teheraner Regimes gingen diese Woche auf die Straße. Aber das heißt nicht viel in einem Staat, der sich meisterhaft auf Propaganda versteht – schon am Samstag hieß es wieder „Tod dem Revolutionsführer“.

          6 Min.

          Sogar der Revolutionsführer weinte. Jedes Mal, wenn ihm die Stimme versagte, stimmten die Massen in Teheran Klagerufe an, schluchzten um Soleimani, dessen Sarg vor ihnen aufgebahrt war, und schworen Amerika Rache. Aus der Luft betrachtet, glich das Zentrum Teherans einem kilometerlangen, fein gepunkteten Teppich. Beobachter zählten eine Million Menschen. Der iranische Außenminister fragte Trump auf Twitter: „Haben Sie jemals ein solches Meer an Menschlichkeit gesehen?“

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es dauerte nicht lang, bis sich auch in Washington und Berlin, in Paris und London der Eindruck festgesetzt hatte: Die Wut über den amerikanischen Präsidenten hat Iran geeint. Einmütige Trauer in Teheran, Maschad und Ahwaz und auch über die iranischen Staatsgrenzen hinaus, in den irakischen Städten Bagdad, Kerbela und Nadschaf, ja, Trauer auch im libanesischen Beirut.

          Genau dort, wo empörte Zivilisten in den zurückliegenden Monaten tagein, tagaus gegen den langen Arm Teherans aufbegehrt hatten, bekundeten nun schiitische Milizen den Mullahs ihre Ergebenheit. Die Fotos von Soleimani: überall.

          Überall? Auf dem Tahrir-Platz in Bagdad jedenfalls nicht. Im Herbst riefen sie hier: „Raus, raus, Iran!“ Nun, nach dem Drohnenangriff auf Soleimani, gab es eine kleine Anpassung der Parole: „Nein zu Iran, nein zu Amerika!“ Akram Assam war vor kurzem noch da, seine Freunde besuchen. Nun ist er wieder zurück in Amsterdam, wo er Theater studiert, und schwärmt von dem Gemeinschaftsgefühl auf dem Tahrir-Platz. „Da fragt dich keiner, ob du Sunnit oder Schiit bist.“ Er selbst ist Schiit, so wie die Mullahs in Teheran, aber Soleimani weint er keine Träne nach. „Ich war ein bisschen froh“, gesteht er. „Er hat so viele Leute auf dem Gewissen.“

          Junge Iraker protestierten am 10. Januar wieder gegen die Regierung.

          Weiter oben im Norden des Iraks, wo Christen und Kurden leben, gibt es keine Proteste, aber genauso viel Unmut über Korruption, Armut, Arbeitslosigkeit. Fadi Esa Saqat lebt in einem Dorf bei Mossul. Er klagt, dass er als Christ keine Chance habe, wenn in einer Schule oder Universität eine Stelle frei werde. „Die iranischen Milizen verteilen die Jobs.“ Wenn er daran denkt, dass die Amerikaner bald das Land verlassen könnten, wird ihm angst und bange. „Dann hat Teheran noch mehr Einfluss.“

          Gegen den Hass zwischen den Konfessionen

          Die ständige Kontrolle Irans hat auch Joseph Kai in Beirut satt. Er ist Illustrator, hat Dutzende Plakate und Banner für die libanesischen Proteste entworfen. Auch hier wollen sie Brot und dass grundlegende Dinge wie Müllabfuhr und Gesundheitssystem funktionieren. Eigentlich Forderungen, denen sich alle anschließen könnten. Doch die Hizbullah fühlt sich von der antiiranischen Stimmung im Land bedroht. Ihre Anhänger haben die Demonstranten immer wieder mit Schlagstöcken angegriffen.

          In dieser Woche trauern viele der Schiiten im Libanon um ihren General, im Süden Beiruts hängt an jeder Laterne sein Konterfei. Im Zentrum der Stadt wollen sich die Demonstranten dagegen am Sonntag wieder versammeln, Christen und Muslime Seite an Seite, Sunniten, Schiiten und Drusen gegen den Hass zwischen den Konfessionen, den Teheran und die Hizbullah schüren.

          Und dann ist da noch Iran selbst: Wie ein Teppich aus Regimeanhängern sah Teheran eben nur aus der Luft aus. Schon nach ein paar Gesprächen mit Teheranern ändert sich auch hier das Bild. Da ist zum Beispiel Mehdi, ein Soldat der iranischen Luftwaffe, der Soleimani für einen Terroristen hält und die Kundgebungen für eine „widerliche Show“. Hin ging er trotzdem, jedenfalls kurz, denn sein Truppenführer hat ihn und den Rest der Mannschaft in einen Bus gesteckt, der direkt von der Kaserne ins Zentrum fuhr. Mehdi machte sich schnell aus dem Staub, doch nicht all seine Kameraden trauten sich das. Sie blieben, obwohl auch von ihnen die meisten das Regime verabscheuten. „Allein schon wegen unserer grottigen militärischen Ausrüstung.“

          Am nächsten Tag ging es weiter mit der verordneten Trauer: Die Soldaten sollten in die Moschee, aber Mehdi ist „einfach schnell in die Kantine entwischt“. Er schickt einen Tränen lachenden Smiley in den verschlüsselten Chat. Jetzt, wo er seinen Militärdienst macht, ist jeder Kontakt nach außen besonders heikel. Deshalb bittet er darum, seinen Nachnamen nicht zu erwähnen.

          Mehdi ist nicht der Einzige, der sich gezwungenermaßen auf der Kundgebung wiederfand. Auch Beamte und Lehrer wurden verpflichtet, und Schülern blieb meist nichts anderes übrig, als ihren Lehrern zu folgen. Jede Menge Busse karrten sie aus den umliegenden Dörfern heran. Der Politologe Ali Fathollah-Nejad berichtet von verarmten Bauern, die sich für eine warme Mahlzeit den Massen anschlossen. „Wenn die Islamische Republik irgendetwas beherrscht, dann ist es Propaganda“, sagt er.

          Ein orchestrierter Protest

          Das heißt nicht, dass die Massen auf den Straßen Marionetten des Regimes waren. Viele waren freiwillig da, ihre Tränen echt. Allein die aktiven Kämpfer der Revolutionsgarden, glühende Anhänger des Regimes, machen Zehntausende aus. Kommen noch die Reservisten hinzu, und bringen die wiederum ihre Angehörigen mit, ist man schnell bei Hunderttausenden.

          Hinzu kommt: „Soleimani hatte tatsächlich auch Sympathisanten über Regimekreise hinaus“, sagt Fathollah-Nejad. Die haben in ihm einen nationalen Helden gesehen, der die IS-Schlächter von Irans Grenzen ferngehalten habe. „Was aber natürlich wiederum das Ergebnis der staatlichen Propaganda um diesen Mann ist“, fügt der Wissenschaftler hinzu.

          Auch Damon Golriz, der in Iran aufgewachsen ist und heute an der Universität in Den Haag zur Islamischen Republik forscht, warnt davor, sich von den Bildern zu sehr beeindrucken zu lassen. „Das Regime hat vierzig Jahre Erfahrung darin, solche Märsche zu organisieren. In einem Land, in dem der Protest von normalen Menschen brutal niedergeschlagen wird und Oppositionelle wie Journalisten im Gefängnis sitzen, haben solch staatlich organisierte Massenaufläufe nichts Authentisches an sich.“

          Der Soldat Mehdi ist einer von diesen normalen Menschen, die im Herbst protestierten. Entzündet hat sich der landesweite Aufstand an den Benzinpreisen, bald mischte sich in die Wut über Armut und Arbeitslosigkeit auch die über Zwang und Zensur. „Letztlich ist alles, was ich will, ein normales Leben.“ Doch als homosexueller junger Mann muss Mehdi um sein Leben fürchten. In den Schwulenbars Teherans könne es immer passieren, dass er plötzlich mit einem Geheimagenten flirte – und ihm die Todesstrafe drohe.

          Tödlich kann in Iran auch der Protest sein, jedenfalls dann, wenn er nicht von ganz oben orchestriert wird. Die Unruhen im November und Dezember waren die blutigsten seit der islamischen Revolution. Mit rasender Brutalität gingen die Schergen des Regimes gegen die meist jungen Demonstranten vor.

          Obwohl das Regime alles getan hat, um die Masse seiner Opfer zu verschleiern, tritt doch immer deutlicher eine Zahl zutage, so monströs, dass selbst eine Abgeordnete des iranischen Parlaments von „Tyrannei“ sprach: 1500 Tote. Niedergestreckt von Schüssen der Polizei und der Revolutionsgarden. Leichen sollen verscharrt, Angehörige zum Schweigen gebracht worden sein.

          Die Welt erfuhr kaum etwas davon, denn das ganze Land glich einer Blackbox: Sechs Tage lang war das Internet lahmgelegt, drang keine Nachricht nach außen. „Wenn das Regime nicht das Internet abgeschaltet hätte, wäre es hinweggefegt worden“, ist Mehdi überzeugt.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Auch Ayli denkt so. Auf Instagram schreibt sie sich ihre Wut über das Regime aus der Seele. Zu einem Foto einer armen Frau auf der Straße kommentiert sie: „Das macht das Regime aus Menschen, die versuchen, ein anständiges Leben zu führen.“ Unter dem Foto einer elektronischen Tafel, die den Countdown bis zur „Zerstörung Israels“ zeigt, kommentiert sie: „krank“. Immer wieder warnen Freunde sie: Hey, lass das lieber. Und immer wieder interessieren sich Fremde mit merkwürdigen Namen für ihr Profil, wollen mit Ayli in Kontakt treten.

          „Wir sind mehr“

          „Das sind die Revolutionsgarden“, meint sie. „Darauf falle ich nicht herein.“ Einmal stellte sie ein Foto von Chomeini während der islamischen Revolution auf ihre Seite und schrieb dazu: „Der Tag, als wir unsere Freiheit verloren.“ Am nächsten Tag wurde sie aufs Amt bestellt, erzählt sie. Man habe ihr gedroht: „Wenn du über Freiheit sprechen möchtest, wirst du den nächsten Morgen nicht erleben.“

          Doch sie spricht weiter über Freiheit. Gemeinsam mit ihren Freunden ging sie im Herbst auf die Straße. „Das Regime hat uns arm gemacht, unsere Kultur zerstört“, sagt sie. Ayli ist Archäologin. Sie findet Trost in der langen persischen Geschichte: „2500 Jahre großartiges Leben.“ Kyros der Große – darauf ist sie stolz.

          Während der Kundgebungen für Soleimani blieb sie zu Hause, im Netz verfolgte sie das „lustige Szenario“ draußen, wie sie es nennt. Freunde von ihr waren dabei, auch die Tante, eine Lehrerin. „Sonst hätte sie ihren Job verloren.“ Ayli unterscheidet zwischen drei Gruppen, die aufgekreuzt seien: Regimeanhänger, Zwangsteilnehmer und solche, die nicht Teil des Apparats sind, aber Soleimani für einen Helden halten. „Ja, es waren viele“, sagt sie. „Aber wir sind mehr.“

          Nach dem Tod Soleimanis mussten sich die Regimekritiker erst einmal zurückhalten, doch schon am Samstagabend waren sie wieder im Zentrum Teherans zu sehen. Als die iranische Führung nach tagelangem Leugnen doch noch zugegeben hatte, das ukrainische Passagierflugzeug aus Versehen abgeschossen zu haben, konnte sie nichts mehr zu Hause halten. Hunderte Demonstranten riefen „Tod dem Revolutionsführer!“ und rissen Soleimani-Plakate von den Wänden. „Es wird eine neue Welle von Protesten geben“, ist Ayli überzeugt.

          Hinter beiden Gruppen, den Regimeanhängern und den Regimegegnern, stehen viele weitere Menschen. Iran hat 83 Millionen Bürger. Ayli und Mehdi sind zwei von ihnen. Zwei, die auch gesehen werden wollen da draußen. Die erzählen wollen von ihrem Kampf. Für sie ist das Internet wie die Luft zum Atmen. Die Versicherung, dass es noch etwas anderes gibt als islamische Gesetze. Die Hoffnung, dass sie, eine junge Frau und ein junger Mann, irgendwann, irgendwo sie selbst sein dürfen.

          Weitere Themen

          Ein Land vor dem Kollaps

          Proteste im Libanon : Ein Land vor dem Kollaps

          Nach langem Geschacher hat der Libanon eine neue Regierung. Aber Beobachter geben ihr kaum eine Chance, den Staatsbankrott abzuwenden. Zu lange hat die korrupte politische Klasse das Land geplündert.

          Topmeldungen

          Von wegen sibirische Kälte: So weichen die mittleren Temperaturen im bisherigen Januar 2020 vom Mittelwert 1981 bis 2010 ab.

          Kalte Jahreszeit : Winterhitze

          Vergangene Woche war es zwar endlich etwas kälter, doch mit einem richtigen Winter wird es in diesem Jahr wohl nichts mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.