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Proliferation : Der „Vater der pakistanischen Atombombe" als Verräter

„Habgier und Ehrgeiz”: Abdul Qadeer Khan Bild: dpa/dpaweb

Der entlassene Gründer des pakistanischen Atomprogramms, Abdul Qadeer Khan, hat die Weitergabe von Nukleartechnologie an Iran, Libyen und Nordkorea eingeräumt. Motive seien „Habgier und Ehrgeiz“ gewesen.

          3 Min.

          Das diesjährige muslimische Opferfest steht für die Pakistaner unter einem dunklen Stern. Erst erfuhren sie, daß sich unter den muslimischen Pilgern, die in Mekka totgetrampelt wurden, mehr als dreißig Landsleute befanden; dann mußten sie mitansehen, wie ihr Nationalheld vom Sockel gestürzt wurde.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Am Sonntag abend unterrichteten Regierungsvertreter in Islamabad drei ausgewählte Journalisten, daß der "Vater der pakistanischen Atombombe", Abdul Qadir Khan, gestanden habe, in den neunziger Jahren Nukleartechnologie an Iran, Libyen und Nordkorea weitergegeben zu haben. Zwar wurde er schon in der vergangenen Woche von seinem Amt als Regierungsberater in Atomfragen entbunden, aber bis zuletzt hatte Islamabad eine Verwicklung Qadir Khans in die Proliferationsvorwürfe bestritten. Nach den bislang nicht dementierten Zeitungsmeldungen darf es nun als aktenkundig gelten: Qadir Khan, dessen Texte schon die Erstkläßler in Pakistan lesen müssen, ist schuldig und sieht möglicherweise sogar einem Gerichtsverfahren entgegen.

          Teheran, Tripolis und Pjöngjang

          Seit zwei Monaten überprüft die Regierung die Anschuldigungen der Internationalen Atomenergiebehörde und der Vereinigten Staaten, Islamabad habe seine nuklearwissenschaftlichen Kenntnisse mit Teheran, Tripolis und Pjöngjang geteilt. Obwohl der Nuklearstaat Pakistan dem Nichtverbreitungsvertrag (NPT) nie beigetreten ist, betonte Präsident Musharraf mehrfach, daß sich sein Land "verantwortungsbewußt" verhalte und keine Proliferation gestatte. Sollten sich "Individuen" schuldig gemacht haben, sagte er zu verschiedenen Gelegenheiten, würden sie zur Rechenschaft gezogen werden. Ein Dutzend Verdächtige, die meisten von ihnen Nuklearwissenschaftler sowie ein paar Angehörige der Armee, waren in den vergangenen Wochen verhört worden, aber auf niemanden richtete sich derart viel Aufmerksamkeit wie auf Abdul Qadir Khan.

          Der 1936 im indischen Bhopal geborene Qadir Khan war fünf Jahre nach der Teilung des Subkontinents wie so viele Muslime nach Pakistan emigriert, von wo er für das Studium der Metallurgie nach Deutschland, Belgien und in die Niederlande ging. Mit dem Wissen, das er sich als Wissenschaftler an der deutsch-britisch-niederländischen Urananreicherungsanlage Urenco erworben hatte (sowie mit gestohlenen Unterlagen), kehrte Qadir Khan in den siebziger Jahren nach Pakistan zurück und begann mit dem Aufbau des nationalen Atomprogramms. Das Forschungslaboratorium in der Nähe der Hauptstadt ist bis heute nach ihm benannt. 1998, kurz nach dem ersten Atombombentest der Inder, zündete Pakistan den ersten Nuklearsprengsatz und bestätigte damit seit Jahren gehegte Befürchtungen der internationalen Gemeinschaft. Qadir Khan, der sich stets wie ein Minister durch die Straßen chauffieren ließ, ist für seinen Reichtum (vor allem im Immobiliensektor) ebenso bekannt wie für seinen Lebensstil, den ein pakistanischer Diplomat als "flamboyant" beschreibt.

          Prall gefüllte Konten

          Im Zuge der Ermittlungen trat nun auch zutage, daß er prall gefüllte Konten in Dubai besitzt und sich als Immobiliengeschäftsmann in Afrika betätigt. Zu seinen bedeutenderen Projekten zählt ein Hotel in Timbuktu, das er nach seiner niederländischen Frau Hendrina benannt hat. Nach einem Bericht der pakistanischen Tageszeitung "The News" soll Qadir Khan die Einrichtungsgegenstände mit einer Maschine der pakistanischen Luftwaffe von Islamabad nach Tripolis geflogen haben, von wo aus die Möbel an den Bestimmungsort in Mali gebracht worden seien. Nicht zuletzt Informationen wie diese lassen manche Beobachter daran zweifeln, daß Qadir Khan ohne Wissen des Militärs und damit der pakistanischen Regierung gehandelt hat.

          In dem Gespräch mit den drei Journalisten sprach der Regierungsvertreter von einem "Netzwerk", das Qadir Khan innerhalb des Forschungslaboratoriums und im Ausland geknüpft habe. Materialien und Wissen seien zwischen 1989 und 1991 an Iran und 1991 und 1997 an Libyen und Nordkorea verkauft worden. Weder der pakistanische Geheimdienst noch das Militär hätte von den Transaktionen gewußt, weshalb "auf unserer Seite Versäumnisse" zuzugeben seien. Inzwischen habe die Regierung aber "die gesamte Proliferationsroute sowie Dr. Kahns Verbindungen zu den nuklearen Schwarzmarkthändlern zurückverfolgt".

          Deutsche Mittelmänner?

          Der Regierungsvertreter berichtete von Treffen Qadir Khans mit libyschen Nuklearingenieuren in Casablanca und Istanbul sowie mit iranischen Wissenschaftlern in Karachi und Wissenschaftlern in Malaysia. Qadir Khan soll Nuklearkomponenten, vor allem Zentrifugen, persönlich über Dubai an den Golf verschifft sowie mit Chartermaschinen nach Nordkorea transportiert haben. Einige der Zentrifugen seien in einer Fabrik in Malaysia hergestellt worden, die von einem Srilanker namens "Tahir" aufgebaut wurde. Im Zusammenhang mit den "Mittelsmännern" für die Geschäfte erwähnte der Regierungsvertreter neben einem Niederländer auch drei deutsche Namen, die er nach den Zeitungsberichten mit "Brummer", "Heinz" und "Liech" angab.

          Während einige seriöse Zeitungen des Landes die Überführung Qadir Khans am Montag begrüßten, bewirkte sie in nationalistischen und islamistischen Kreisen Empörung. Die Nation sei "aufgebracht", ließ sich der frühere Geheimdienstchef General Hamid Gul von den Medien zitieren. Senator Saadia Abbasi von der Pakistanischen Muslimliga sprach von der "ultimativen Verunglimpfung des pakistanischen Volkes". Der Präsident des muslimischen Oppositionsbündnisses MMA, Qazi Hussain Ahmad, nannte Präsident Musharraf eine "Marionette Amerikas". Pakistan habe mit der Weitergabe von Nuklearmaterial "kein Verbrechen, nicht einmal eine Sünde begangen", sagte er in der "Daily Times". Für den kommenden Freitag rief der Muslimfunktionär zu einem landesweiten Streik auf. Den pakistanischen Präsidenten, der angekündigt hatte, nach den Opferfest-Feiertagen den Fall der Öffentlichkeit persönlich zu erläutern, erwartet ein nervöses Publikum.

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