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EU-Türkei-Pakt : Beim Flüchtlingsabkommen steckt der Teufel im Detail

Ruhig und unspektakulär: Flüchtlinge werden von Lesbos abgeschoben. Manche gehen freiwillig. Bild: AP

Der Anfang der Rückführung begann unspektakulär, die echten Schwierigkeiten stehen noch bevor. Die vielen Asylverfahren überfordern schon heute griechische Behörden. Und werden dabei die europäischen Standards gewahrt? Manche haben Zweifel.

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          Wenn alles kommt wie geplant, können Wolfgang Behnk und seine Leute bald wieder nach Hause. Noch dümpelt die „Minden“, der nach Lesbos entsandte Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, nachmittags im Hafen der Inselhauptstadt Mytilini, und jeden Morgen von fünf in der Früh bis etwa zehn Uhr sind Behnke und die Besatzung draußen in der Ägäis vor der türkischen Küste, um in griechischen Gewässern Migranten aufzunehmen.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Aber das soll nun alles bald vorbei sein. Jedenfalls dann, wenn das europäisch-türkische Abkommen so funktioniert, wie von den Urhebern erhofft. Dann wäre nämlich drüben auf der türkischen Seite bald niemand mehr bereit, viele hundert oder sogar mehr als tausend Euro an eine Schlepperbande zu zahlen, um sich in einem überfüllten und stets vom Kentern bedrohten Schlauchboot auf die Überfahrt zu einer der nahen griechischen Inseln in der Ägäis zu begeben. Denn seit Griechenland am Montag, unterstützt von der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex, mit der Rückführung von Migranten in den „sicheren Drittstaat“ Türkei begonnen hat, ist theoretisch alles anders.

          Flüchtlinge kommen morgens und vormittags, ab mittags ist es ruhig

          Wer wird noch Geld investieren oder gar das eigene Leben bei der Überfahrt von der Türkei auf eine griechische Insel aufs Spiel setzen, wenn er damit rechnen muss, kurze Zeit später wieder in der Türkei zu landen? „Schon in den vergangenen drei bis vier Wochen ist die Zahl der Migranten in der Ägäis deutlich gesunken“, sagt Behnk und bestätigt damit indirekt das Bonmot, laut dem die einzigen, die sich bisher an das türkisch-europäische Flüchtlingsabkommen gehalten hätten, die Flüchtlinge selbst seien.

          Video : EU-Türkei-Abkommen: Erste Flüchtlinge in Deutschland gelandet

          Ohnehin verläuft der Einsatz der deutschen Retter ruhiger als gedacht. „Wir gingen bei der Planung davon aus, dass wir 24 Stunden im Einsatz sein würden. Aber wir werden hier nicht 24 Stunden gebraucht. Nachmittags kommen keine Flüchtlinge. Sie kommen nur morgens und vormittags. Ab Mittag herrscht Ruhe“, hat Behnk beobachtet. Jetzt am Nachmittag ist tatsächlich nichts zu sehen draußen. Nur der deutsche Einsatzgruppenversorger „Bonn“, der im Zuge der Nato-Mission vor Lesbos kreuzt, ist grau unter blauem Himmel am Horizont zu erkennen. Aber auch dort wird man nichts zu tun und nichts zu melden haben in Sachen Bootsflüchtlinge – es sind schlicht keine da. Auf Spekulationen, wie lange der Einsatz im Mittelmeer noch dauern wird, will sich Behnk nicht einlassen – aber womöglich ist nun alles bald vorbei.

          Der Moment, auf den alle gewartet hatten, war am Montagmorgen unspektakulär und erstaunlich ruhig verlaufen. Früher als angekündigt, noch vor acht Uhr morgens, wurden gut 130 Migranten im Hafen von Mytilini unter Polizeibewachung auf Boote gebracht, die dann mit Kurs auf die türkische Hafenstadt Dikili ablegten. Auf Chios waren es knapp 70 Migranten, die per Boot ins türkische Cesme gebracht wurden. Laut Angaben der griechischen Behörden handelte es sich dabei fast ausnahmslos um Pakistaner und Bangladescher.

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