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Der Dalai Lama im Kanzleramt : Privatgespräch mit einem Religionsführer

  • -Aktualisiert am

Privatgespräch: Merkel und der Dalai Lama Bild: ddp

Der Dalai Lama zu Gast bei Kanzlerin Merkel: Das private Treffen mit dem Religionsführer bringt weder die Einheit Chinas in Gefahr noch ändert sich damit die deutsche China-Politik, meint Günther Nonnenmacher.

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          Realpolitik, also die Gestaltung der Außenpolitik eines Landes nach der Richtlinie seiner Interessen, ist in den internationalen Beziehungen unumgänglich: Interessen sind allemal besser zu kalkulieren als Gefühle und lassen sich leichter zu einer soliden politischen Grundlage verflechten. Aber Real- oder Interessenpolitik, die von Prinzipien absieht, ist bodenlos und führt zum Gekungel mit denjenigen, die in einem Land gerade mächtig sind - bis zum nächsten Machtwechsel.

          Es ist deshalb gut, dass Frau Merkel den Dalai Lama im Bundeskanzleramt empfangen hat, ausdrücklich zu einem Privatgespräch mit einem Religionsführer. Das bringt weder die Einheit Chinas in Gefahr - der Dalai Lama tritt nicht für die Unabhängigkeit Tibets ein, sondern wirbt um Autonomie -, noch ändert sich damit die deutsche China-Politik.

          Neurotische Gereiztheit der chinesischen Führung

          Die Bundeskanzlerin nimmt nur ihr selbstverständliches Recht wahr, einen Gesprächspartner zu treffen, der Ansichten über die Zustände in seiner Heimat äußert, die europäischen Werten entsprechen. Darüber hinaus gehört der Dalai Lama zu jenen Führern in der Welt, die dadurch ein gutes Beispiel geben, dass sie Wandel nicht mit Gewalt erzwingen wollen, sondern auf die Wirkung von Verhandlungen und auf die Einsicht der Herrschenden setzen - auch und gerade gegenüber China.

          Die Reaktion aus Peking kam prompt, aber angesichts der neurotischen Gereiztheit der chinesischen Führung, wenn es um Tibet geht, war sie durchaus gebremst. Ein Treffen zum „Rechtsstaatsdialog“, der ein Erbe der Ära Schröder ist, wurde abgesagt, wie es heißt: aus technischen Gründen.

          Politik als „Türöffner“ für Handel und Kooperation

          Da kommen wieder die Interessen ins Spiel. Wenn Peking an guten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen liegt, wird dieses Interesse die gegenwärtige Minikrise überstehen. Zwar hat sich die deutsche Wirtschaft wegen des Treffens der Kanzlerin mit dem Dalai Lama besorgt gezeigt: Im Reich der Mitte gilt die Politik als „Türöffner“ für Handel und Kooperation.

          Aber auch die Wirtschaft fährt im Grunde besser, wenn ihr China-Geschäft nicht von den Konjunkturen der Politik abhängt, sondern auf den soliden Beinen wechselseitiger Vorteile steht. Marktbeziehungen beruhen schließlich, wie man seit Adam Smith weiß, nicht auf Wohlgefallen, sondern auf Selbstinteresse.

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