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Presseschau zu Johnson : „Ein hoffnungsvoller Neubeginnn sieht anders aus“

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So sehen Sieger aus: Der neue Parteivorsitzende der Konservativen, Boris Johnson, nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses am Dienstag. Bild: AP

Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ sieht in der Wahl Boris Johnsons zum neuen Tory-Vorsitzenden einen „historischen Abstieg Großbritanniens“. Auch andere Zeitungen kommentieren die Personalie mit Skepsis.

          „Großbritannien hat einen neuen Regierungschef, doch ein hoffnungsvoller Neubeginn sieht anders aus“, schreibt die „Neue Zürcher Zeitung“. Boris Johnson werde Premierminister eines „zutiefst verunsicherten Landes, das sich in der schwierigsten Situation seit Jahrzehnten befindet.“

          „Der historische Aufstieg Boris Johnsons markiert einen historischen Abstieg Großbritanniens“, findet die  „Hannoversche Allgemeine Zeitung“. „Ein Land, das immer ein Fels in der Brandung weltpolitischer Wirren war, wird jetzt seinerseits zum Problemfall.“

          Auf andere Weise bemüht auch die „Sächsische Zeitung“ aus Dresden die Kategorie der Historischen. Johnson müsse aufpassen, nicht als „schrill-bunte Fußnote in die Geschichte“ einzugehen, mahnt die Zeitung. Mit lockeren Sprüchen und derben Späßen gebe sich keiner zufrieden. „Johnson muss beweisen, dass er durchdachte Konzepte besitzt.“

          Die „Rhein-Zeitung“ aus Koblenz erinnert an Johnsons zweifelhafte Rolle in der Vergangenheit. „Niemand hat vergessen, mit welchen Lügen und Halbwahrheiten über die EU der designierte Premierminister die Brexit-Stimmung vergiftet hat.“

          Immerhin, die Magdeburger „Volksstimme“ zeigt sich tapfer. Die Hoffnung sterbe zuletzt, schreibt die Zeitung. Der „irrlichternde Charakter des Boris Johnson“ entziehe sich zwar der Berechenbarkeit, dennoch habe er „bessere Voraussetzungen als Theresa May, Großbritannien geordnet aus der EU zu führen.“

          Das sieht nicht nur die „Badische Zeitung“ aus Freiburg anders. Man sollte Johnson „beim Wort nehmen und sich auf einen ungeregelten Brexit einstellen“. Er sei ein Premierminister, „der mit Volldampf Richtung EU-Ausgang fährt.“

          Die „Presse“ aus Wien spricht sogar vom „Brexit zu Halloween“, der entweder ein „Drama von Shakespeare-Dimensionen“ werde oder eine „Schmierenkomödie“.

          Die „taz“ drückt Johnson die Daumen. „Ohne eine Umsetzung des Referendumsergebnisses von 2016 wird die konservative Wählerschaft massiv zu Nigel Farage und seiner Brexit Party überlaufen, die bereits bei den Europawahlen im Mai drei Viertel der konservativen Stimmen von der letzten Parlamentswahl abgraste“, mahnt die Zeitung.

          Auch „Die Welt“ bricht eine Lanze für den künftigen Premierminister. „Als Feindbild eignet sich Johnson nur, wenn man nicht genau hinsieht“, meint die Zeitung“. Wer aus ihm einen „xenophoben, isolationistisch-nationalistischen Reaktionär und Antiliberalen“ machen wolle, irre gewaltig.

          „I’m the dude*“

          Die britische Presse greift vielfach ein Wort aus Johnson Ansprache nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses auf. „I’m the dude*“, titelt etwa die Zeitung „Daily Telegraph“, in der Johnson bislang eine Kolumne hatte. Dem Sternchen im Titel folgt die Erklärung: Hinter der Abkürzung stehen seine Versprechen, den Brexit zu liefern (Deliver Brexit), das Vereinigte Königreich zu einen (Unite the UK), den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn zu besiegen (Defeat Corbyn) und dem Land Auftrieb zu geben (Energise Britain).

          Die Zeitung „Daily Mail“ ruft dem Neuen zu, er möge Sonnenschein bringen; “Now Bring us Sunshine!“, heißt es auf Seite eins.

          Weniger warme Worte findet die Zeitung „The National“, die für ein unabhängiges Schottland eintreten will. “This Country does not need you“ – dieses Land braucht dich nicht – verkündet sie im Titel.

          Nach positiven Deutungen sucht die Londoner „Times“: „Das optimistischste Szenario für Johnson – und für Großbritannien – besteht darin, dass die EU bereit sein wird zu einem Deal, für dessen Annahme es im Parlament genügend Unterstützung gibt. Möglicherweise kann Johnson ein Abkommen erreichen, das zwar in der Sache nicht sehr viel anders als jenes ist, das Theresa May ausgehandelt hatte, dem Parlament jedoch mit mehr Kraft und Elan verkauft werden kann.“

          Die „New York Times“ indes zerstreut die leise Hoffnung. „Niemand glaubt, dass Herr Johnson, der vor allem nach seinem kurzen Einsatz als ein zu Fehltritten neigender Außenminister in Brüssel weitgehend verachtet wird, in der Lage sein wird, einen besseren Deal zu erzwingen als die gewissenhafte Frau May nach zwei Jahren von Verhandlungen.“

          Zumindest die „Washington Post“ wünscht Johnson Erfolg. „Die Amerikaner können nur hoffen, dass er es schafft. Denn ein Andauern des politischen Stillstands in Großbritannien würde den Westen noch weiter zu einem Zeitpunkt schwächen, zu dem seine demokratischen Werte sowohl von ausländischen Mächten wie auch von heimischen Extremisten bedroht sind. Anders als Frau May wird Herr Johnson mit der Unterstützung von Herrn Trump starten, um dessen Gunst er sich bemüht hat.“

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