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Sydney in Trauer : Abbott: Täter „besessen von Extremismus“

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Australiens Premier Tony Abbott und seine Frau Margie kamen zum Tatort und legten Blumen nieder. Bild: dpa

Nach dem blutigen Ende der Geiselnahme trauert ganz Sydney. Der Tatort wurde zur Gedenkstätte - zahlreiche Menschen legten dort Blumen nieder. Das genaue Motiv des Täters bleibt unklar. Australiens Premier Abbott beschrieb Man Haron Monis als „besessen von Extremismus“.

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          Nach dem blutigen Ende des Geiseldramas von Sydney rätselt die Polizei weiter über die Motive des Täters. Der 50-jährige Iraner habe eine lange Geschichte mit gewalttätigen Verbrechen, sagte der australische Premierminister Tony Abbott am Dienstag. Man Haron Monis sei von Extremismus besessen und psychisch labil gewesen. „Er hüllte seine Aktion in Symbole des IS-Totenkults“, sagte Abbott unter Verweis auf die Terrormiliz „Islamischer Staat“, die im Irak und Syrien kämpft. Er sei den Behörden als krimineller Extremist bekannt gewesen.

          Als sich die Geiselnahme vom Montag allmählich entwickelt habe, habe er dann versucht, seine Taten mit der „Symbolik des Todeskults“ der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) zu untermauern, sagte der Premier. Der Mann hatte bei den Verhandlungen mit der Polizei dem Vernehmen nach eine IS-Flagge verlangt. Nach Medienberichten zwang er eine Geisel im Café, auf ihrer Facebook-Seite zu veröffentlichen, es spiele sich eine Attacke der Terrormiliz auf Australien ab.

          Abbott hinterfragt Bewährungsstrafe des Täters

          In einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag (Ortszeit) musste sich der Premier der Frage stellen, warum ein den Behörden bekannter Extremist und verurteilter Straftäter auf Bewährung freigelassen worden sei. Abbott antwortete: „Wenn ich ganz offen sein darf, das ist genau die Frage, die wir uns im nationalen Sicherheitsausschuss des Kabinetts ebenfalls gestellt haben. Wieso landet eine Person, die so eine persönlichen Historie hat, auf keiner entsprechenden Beobachtungsliste? Und wie kann so jemand in unserer Gesellschaft frei herumlaufen?“

          Pressekonferenz Abbott: Täter war geistig verwirrt

          Abbott sagte, dass sich die Regierung mit diesen Fragen auseinandersetzen werde. Gleichzeitig gab er aber auch zu bedenken, dass es im Fall von Monis vermutlich nicht die Geiselnahme verhindert hätte, wenn dessen Name auf einer Liste gestanden hätte. „Selbst wenn der Name dieser Person, dieses kranken und gestörten Mensch, ganz oben auf unserer Watchliste gestanden hätte, selbst wenn er rund um die Uhr überwacht worden wäre, ist es sehr wahrscheinlich, aber auf jeden Fall möglich, dass sich dieser Vorfall trotzdem ereignet hätte.“

          Zwei Geiseln sterben

          Bei der Stürmung des Cafés waren in der Nacht zwei Geiseln ums Leben gekommen: der 34 Jahre alte Manager des Cafés sowie eine 38-jährige Anwältin und Mutter von drei kleinen Kindern. Auch der Geiselnehmer kam um. Die Polizei sei um kurz nach 02.00 Uhr morgens eingeschritten, als sie Schüsse aus dem Café hörte, berichtete die stellvertretende Polizeichefin Catherine Burn.

          Abbott lobte die Polizei für ihren Einsatz. Die Australier könnten angesichts der Reaktion der Einsatzkräfte beruhigt sein, sagte er. Natürlich müssten aus der Geiselnahme „Lehren gezogen werden“. Zuvor werde aber detailliert geprüft, was sich am Martin Place abgespielt habe und warum, sagte Abbott. Das allerdings könne einige Zeit dauern.

          Trauer in Sydney : Tatort wird zum Ort des Gedenkens

          Der Mann hatte 17 Geiseln stundenlang in seiner Gewalt. Der Einsatz sei nötig geworden, um Leben zu retten, sagte Polizeichef Andrew Scipione. Der Geiselnehmer drohte nach seinen Angaben, Sprengsätze in seinem Rucksack zu zünden. Es sei aber kein Sprengstoff gefunden worden.

          Augenzeugenbericht der  Polizeiaktion

          Ein Reporter, der das Geschehen die ganze Nacht aus einem direkt gegenüberliegenden Fernsehstudio verfolgte, sagte, der Täter sei offenbar nervös geworden. Dieser sei in dem Café umhergerannt und habe die Geiseln angeschrien, berichtete Chris Reason im Frühstücksfernsehen. Kurz vor der Stürmung waren einige Geiseln entkommen. Der Mann sei möglicherweise in Panik geraten. Der Reporter harrte in dem Studio aus, in dem die Polizei wegen des direkten Blicks auf das Café einen Scharfschützen postiert hatte.

          Nach Medienberichten starb der Manager, als er versuchte, dem Geiselnehmer die Waffe zu entreißen. Die Polizei bestätigte das zunächst nicht. Ob beide Geiseln durch Schüsse des Iraners starben, konnte Burn am Dienstag nicht sagen. Dies müssten die anstehenden Untersuchungen klären. Alle Beteiligten würden derzeit befragt, viele seien aber sehr müde und emotional aufgewühlt. Daher werde es noch einige Zeit dauern, bis der Ablauf der Ereignisse rekonstruiert sei.

          Tatort wird zur Gedenkstätte

          Am Tatort entstand am Dienstag spontan ein Gedenkstätte für die Opfer. Zahlreiche Passanten legten im Geschäftsviertel der australischen Metropole Blumen nieder. Am sonst so belebten Martin Place, wo für gewöhnlich täglich tausende Menschen in alle Richtungen in ihre Büros strömen, herrschte nach dem Ende der Geiselnahme Ausnahmezustand. Schon gegen Mittag glich der Platz einem Blumenmeer, viele Menschen zündeten Kerzen an und trugen sich in die Kondolenzbücher ein, die am Platz vor dem Café auslagen. An Regierungsgebäuden und Sehenswürdigkeiten wehten die australischen Flaggen auf Halbmast.

          „Es ist so traurig“, sagte die Passantin Angelica Haifa der Nachrichtenagentur AFP. „Sie wollten sich nur einen Kaffee kaufen. Das hätte Jeder hier sein können.“ Auch Vertreter der muslimischen Gemeinde kamen zu dem Platz. Noch während der Geiselnahme hatte es am Montag eine Internetaktion aus Solidarität mit der muslimischen Gemeinde gegeben.

          Amerikas Botschafter spricht Anteilnahme aus

          John Berry, der amerikanische Botschafter in Australien, sagte, dass sein Land mit der Bevölkerung Australiens um die Opfer der Geiselnahme trauere. Er sprach den Familien der getöteten und verletzten Geiseln seine persönliche Anteilnahme aus.

          Der neue Erzbischof Sydneys, Anthony Fisher, bezeichnete in einem Gottesdienst das Ende der Geiselnahme am Dienstag als „Hölle, die uns berührt hat“. Er würdigte den Einsatz des Café-Managers Tori Johnson - eine der getöteten Geiseln. Sein Tod habe den Rest der Geiseln die Rückkehr in die Freiheit erst möglich gemacht. Auch sprach er seine Anerkennung Katrina Dawson, der Anwältin und dreifachen Mutter, aus. Berichten zufolge hatte sie mit ihrem eigenen Körper eine schwangere Frau vor möglichen Schüssen geschützt - und bezahlte dafür mit ihrem Leben.

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