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Präsidentschaftswahlen in Mali : Wahlen im Schatten des Terrors

Die Auszählung der Stimmen für die Präsidentschaftswahl in Mali dauert an. Bild: AP

In Mali wurde am Sonntag unter weitgehend friedlichen Bedingungen ein neuer Präsident gewählt. Selbstverständlich ist das nicht: Das Land versinkt seit Jahren im Chaos.

          An einigen Orten im Norden Malis konnte am Sonntag nicht gewählt werden – wie im Wahllokal des Dorfes Aguelhok in der Nähe von Kidal. Dort feuerten militante Angreifer nach Angaben des Sprechers der UN-Blauhelmmission Minusma, Olivier Salgado, zehn Granaten ab. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Ansonsten verlief die Präsidentenwahl weitgehend friedlich. Selbstverständlich ist das nicht: Aus Sorge vor einem Blutbad waren zuvor rund 30.000 Sicherheitskräfte mobilisiert worden – weite Teile des Landes werden von verschiedenen Milizen und islamistischen Gotteskriegern terrorisiert. Gerade in letzter Zeit hatte sich die Sicherheitslage massiv verschlechtert.

          Thilo Thielke

          Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          So kam es zuletzt immer wieder zu Massakern zwischen verschiedenen Stämmen wie den Dogon und Fulani, die im Herzen des Landes erbittert um fruchtbareres Land im Binnendelta des Niger-Flusses kämpfen. Aber auch die Anschläge auf Angehörige des malischen Militärs oder der Friedensmission der Vereinten Nationen häuften sich. Rund 12.000 Soldaten, darunter rund 1000 Deutsche, sind vorwiegend im Norden des Landes stationiert. Hier treiben Dschihadisten ihr Unwesen – sie gehören Gruppen wie Jamaat Nusrat al-Islam wal-Muslimin, Ansar Dine oder der Al Qaida im Maghreb an. 932 Menschen sollen allein im ersten Halbjahr 2018 bei Anschlägen der muslimischen Terroristen ums Leben gekommen sein. Die Blauhelmmission von Mali gilt als die blutigste in der Geschichte, die französische Tageszeitung „Le Monde“ nennt die ehemalige Kolonie „unser Afghanistan“.

          Weite Teile des Landes versinken im Chaos

          Zur Wahl stand am Sonntag der 73 Jahre alte Präsident Ibrahim Boubaca Keita. Er regiert den westafrikanischen Staat seit fünf Jahren, zuvor war der Historiker und Politikwissenschaftler bereits Premierminister und Parlamentspräsident. Gegen ihn traten am Sonntag 23 Kandidaten an. Die größten Chancen unter den Herausforderern wurden Soumaila Cissé, dem ehemaligen Finanzminister, eingeräumt. Der Informatiker kandidierte bereits zum dritten Mal für das höchste Amt im Staat. Unter den übrigen Kandidaten war eine Frau, verschiedene Geschäftsleute und auch der Astrophysiker Cheick Modibo Diarra. Er hat sich in der Vergangenheit mit der Erforschung des Mars beschäftigt, besitzt die amerikanische Staatsbürgerschaft und war schon einmal Premierminister von Mali. Sollte keiner Kandidaten die nötige Mehrheit von mehr als 50 Prozent erhalten, kommt es zu einer Stichwahl, die am 12. August stattfinden soll. Derzeit werden die Stimmen ausgezählt; acht Millionen Menschen waren wahlberechtigt. Erste vorläufige Ergebnisse werden am Dienstagabend erwartet, mit einem endgültigen Ergebnis wird erst gegen Ende der Woche gerechnet.

          Ob Keita sich noch einmal, wie schon im Jahr 2013, gegen den 68 Jahre alten Cissé durchsetzen kann, ist fraglich. Groß ist der Unmut über die Bilanz des amtierenden Präsidenten. Trotz der massiven Unterstützung durch französische Elitesoldaten versinken weite Teile des Landes im Chaos. Drogenschmuggler, Menschenhändler und Islamisten kontrollieren den Norden – ein Geflecht von kriminellen Banden, die nicht selten gemeinsame Sache mit örtlichen Polizisten oder Politikern machen. Derzeit breitet sich der Terror von Norden immer weiter nach Süden aus, wo der Großteil der mehr als 18Millionen Einwohner Malis lebt. Zudem wird dem Präsidenten Korruption vorgeworfen. Mali wird zu den zehn ärmsten Ländern der Erde gerechnet: 1,3 Millionen Menschen sollen Hunger leiden.

          Früher galt Mali als Musterstaat

          Früher war das anders. Da galt Mali als Musterstaat. Touristen aus aller Welt kamen in die am Niger gelegene Oasenstadt Timbuktu. Die alten Schriften, die hier immer noch liegen, gehören längst zum Weltkulturerbe. Berühmt war das Land auch für seine Musik und die zum Schutz vor Feinden in die Felsen gebauten Dogondörfer. Drei vorkoloniale Reiche existierten auf dem Gebiet des heutigen Mali: das Mali-, das Ghana- und das Songhai-Reich.

          Das Unheil kam erst in den Jahren 2011 und 2012 über das Land – und das hatte viel mit dem gleichzeitigen Zusammenbruch der Herrschaft Mummar al-Gaddafis in Libyen zu tun. Während im Norden Malis Tuareg, die sich von der Regierung in Bamako vernachlässigt fühlten, für den eigenen Staat Azawad kämpften, strömten immer mehr Söldner aus Libyen nach Mali und schlossen sich den Rebellen an. Sie brachten Kriegserfahrung mit, Waffen und ihren radikalen Islam. Bereits drei Monate nach dem Ausbruch der Revolte, die im Januar 2012 mit Angriffen auf malische Militärstützpunkte begann, kontrollierte die „Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad“ den Norden Malis – unter anderem Timbuktu und Gao, die ehemalige Hauptstadt des Songhai-Reichs.

          Während sich im Norden die Dschihadisten gegenüber den gemäßigteren Tuareg durchsetzen konnte, putschte im Süden das Militär unter der Führung des Hauptmanns Amadou Sanogo und stürzte den Präsidenten Amadou Toumani Touré. Im Norden wurde ein brutaler Gottesstaat errichtet, in dem Dieben öffentlich die Hände abgehackt, Ehebrecherinnen gesteinigt und kleinere Sünder ausgepeitscht wurden. 250.000 Malier flüchteten ins Ausland. Als sich die Glaubenskrieger, von denen viele gar nicht aus Mali stammten, zu Beginn des Jahres 2013 anschickten, auch den Süden einzunehmen, beendeten französische Soldaten den Spuk. Seither versuchen die Blauhelme in Mali zwar verzweifelt, einen Zustand aufrechtzuerhalten, den man Frieden nennen kann. Ob ihnen das jedoch noch lange gelingt, ist fraglich.

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