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Wahlkampf in Amerika : „Ich habe das nie gesagt“

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Elizabeth Warren, Joe Biden und Bernie Sanders sind die Favoriten im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Bild: AFP

Wenn zwei sich streiten: Nach Unstimmigkeiten zwischen Bernie Sanders und Elizabeth Warren empfiehlt sich Joe Biden in der letzten Fernsehdebatte der Demokraten vor Beginn der Vorwahlen – allerdings ohne zu strahlen.

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          Nicht nur bei den Royals in Großbritannien herrscht zurzeit Familienstreit. Auch im progressiven Lager der Demokraten gibt es Zwist. Anfang der Woche hatte Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts, ihrem Kollegen Bernie Sanders aus Vermont vorgeworfen, ihr 2018 in einer privaten Unterhaltung gesagt zu haben, eine Frau könnte die amerikanische Präsidentschaft nicht gewinnen. Sanders dementierte umgehend Berichte über den Inhalt des Gesprächs.

          Präsident wollen beide werden. Bislang waren Warren und Sanders im Rennen um die Demokratische Nominierung für die Wahl im November eine Art Nichtangriffspakt eingegangen und hatten stattdessen politische Attacken vornehmlich gegen Donald Trump sowie moderate Mitbewerber wie Joe Biden oder Pete Buttigieg gerichtet. Am Dienstagabend, bei der letzten Debatte drei Wochen vor Beginn der Vorwahlen in Iowa, musste Bernie Sanders sich noch einmal für den Bericht rechtfertigen – und bestritt vor laufenden Kameras, die Aussage je gemacht zu haben.

          „Ich habe das tatsächlich nie gesagt”, antwortete Sanders auf Nachfrage der Moderatoren, wie er zu der Aussage stehe. „Jeder, der mich kennt, weiß, dass es unvorstellbar ist, dass ich denken würde, eine Frau könnte nicht Präsidentin der Vereinigten Staaten sein.” Elizabeth Warren schien da anderer Meinung, ließ sich jedoch nicht auf einen offenen Konflikt ein: „Bernie ist mein Freund und ich bin nicht hier, um mich mit ihm zu streiten.”

          Frauen, die nie verloren haben

          Und trotzdem hatte ihr Wahlkampfteam offensichtlich seine Hausaufgaben gemacht, um den vier Männern an den Podien doch noch einen kleinen Seitenhieb mitzugeben: „Aber die Frage, ob eine Frau Präsidentin sein kann, wurde nun einmal aufgeworfen und sollte deshalb direkt angesprochen werden”, fuhr Warren fort. „Sehen Sie sich die Männer hier auf der Bühne an: Zusammen haben sie zehn Wahlen verloren. Die einzigen Menschen auf dieser Bühne, die jede ihrer Wahlen gewonnen haben, sind die Frauen – Amy [Klobuchar; Senatorin aus Minnesota] und ich.”

          Joe Biden, der sich nach 1988 und 2008 zum dritten Mal um das Präsidentenamt bewirbt, versuchte den Minifunkenschlag zwischen Sanders und Warren zu nutzen, um für seine Kampagne mit seinem Lieblingsthema zu werben: der Wählbarkeit.

          „Die eigentliche Frage ist, wer die Partei wieder vereinen und alle Gruppen der Partei repräsentieren kann. Afro-Amerikaner, Braun, Schwarz, Frauen, Männer, homosexuell, heterosexuell. Die Tatsache ist doch”, sagte Biden, „dass ich unter allen hier im Rennen die breiteste Wählerkoalition hinter mir vereint habe.”

          19 Tage noch bis Iowa

          Dieser kurze Austausch zwischen Sanders und Warren wird ohne Frage der meistdiskutierte Augenblick des Abends werden. Es war der einzige Moment, in dem ein bisschen ausgeholt wurde, in dem klar wurde, dass es hier um etwas geht.  Und eigentlich hätte man gedacht, dass die Kandidaten und Kandidatinnen deshalb noch viel mehr Bananenschalen auslegen würden. In 19 Tagen beginnen nämlich die Vorwahlen im Bundesstaat Iowa. Die Umfragen sehen derzeit ein knappes Rennen zwischen Sanders, Warren und Biden voraus, mit Chancen für Buttigieg, alle doch noch zu überraschen. Wer unter den Demokraten in Iowa gut aus dem Startblock kommt, kann sich nicht ganz unberechtigt Hoffnungen machen, im November als Kandidat gegen Donald Trump anzutreten.

          Die Fernsehdebatte am Dienstagabend, die erste übrigens, bei der sich aus dem großen Bewerberfeld der Demokraten keine people of color qualifiziert hatten, war eine der letzten Möglichkeiten, sich noch einmal vor einem Millionenpublikum von der Konkurrenz abzusetzen. Und dafür – gemessen daran, wie viel auf dem Spiel steht – ging es eher leidenschaftslos zu: kaum Konflikt, kaum Feuer, keine direkten Angriffe unter denen, die versuchen müssten, herauszustechen.

          In außenpolitischen Fragen einigten sich Warren, Sanders und Buttigieg darauf, Truppen aus dem Irak abzuziehen; Biden und Amy Klobuchar, die Senatorin aus Iowas Nachbarstaat Minnesota, gaben an, die amerikanischen Soldaten vor Ort zu lassen. Sanders und Biden amüsierten sich gemeinsam über Trumps „Liebesbrief” von Kim Jong-un. Sanders sagte auf Klobuchars Aussage, die Vereinigten Staaten müssten ihren Kohlendioxid-Ausstoß bis 2040 zurückfahren, dass jetzt und nicht erst in zwanzig Jahren gehandelt werden müsste. Buttigieg musste sich noch einmal rechtfertigen, warum afro-amerikanische Wähler ihn weitestgehend ignorieren, und dann war der Abend auch schon fast rum.

          Am Ende, als die Kameras herauszoomten und die Mikrofone abgeschaltet waren, sah man Sanders und Warren aufeinander zugehen. Warren sagte etwas, Sanders hob die Hände, erwiderte, gestikulierte und drehte sich weg. Die zwei gingen ohne Handschlag von der Bühne.

          Biden muss geschlagen werden

          Joe Biden, der in Iowa in Umfragen wochenlang mit Abstand vorne lag und seitdem Prozentpunkt um Prozentpunkt eingebüßt hat, ist nach wie vor der Spitzenkandidat auf Bundesebene. Ihn gilt es zu schlagen. Er hatte einen soliden Abend bei der Debatte: Keinen Bock geschossen, für seine Sache geworben, als präsidial rübergekommen, nicht attackiert worden.

          Im Gegensatz zu Klobuchar, Sanders und Warren hat er in den nächsten 19 Tagen viel Zeit, um in Iowa ein paar Prozent gutzumachen. Die Senatoren werden ihren Wahlkampf in den kommenden Wochen herunterfahren. Sie werden in Washington erwartet – zum Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump.

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