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Präsidentschaftskandidat Poroschenko : Der Mann auf dem Bagger

Ein Team: Bürgermeisterkandidat Vitali Klitschko (l.) und Präsidentschaftskandidat Petro Poroschenko (r.). Klitschko will im Falle eines Sieges die ukrainische Hauptstadt Kiew zu einem Beispiel für das ganze Land machen. Er hat einen bedingungslosen Kampf gegen die Korruption angekündigt. Bild: Alexander Tetschinski

Petro Poroschenko hat gute Chancen, nächster Präsident der Ukraine zu werden. Vom Kriegsgeschrei muss er dann aber zu moderaten Tönen zurückfinden.

          7 Min.

          In manchen Biographien gibt es Minuten, die alles verändern, und in der Biographie von Petro Poroschenko gibt es so eine. Es war am 1. Dezember 2013. Am Tag davor war die ukrainische Revolution, die drei Monate später zum Sturz des autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch führen sollte, das erste Mal von Gewalt überschattet worden. Die Miliz hatte das Protestlager am Kiewer Majdan überfallen und mehrere junge Demonstranten krankenhausreif geschlagen. Tags darauf entlud sich dann zum ersten Mal das Gewaltpotential der Revolution. Die Nachricht über die verprügelten „Kinder“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer, vermummte wütende Kämpfer griffen die geschlossenen Polizeireihen vor dem Präsidentenpalast an. Zum ersten Mal in dieser Revolution flogen Pflastersteine.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dies war die Stunde Petro Poroschenkos. Inmitten von Gebrüll, Tränengas, Blendgranaten sah man plötzlich seine wuchtige Gestalt auf einem Bagger stehen, den die Vermummten gerade auf die Polizei losfahren lassen wollten. Er hatte ein Plastikmegaphon in der Hand, er schrie, er winkte, er versuchte die Randalierer zu stoppen. Von diesen Minuten sind im Internet mehrere Videos im Umlauf: Poroschenko, wie er unter unflätigen Beschimpfungen der aggressivsten Kämpfer auf einen Vermummten einredet, der partout „noch heute“ den Präsidentenpalast stürmen will; Poroschenko, wie er im Rauch die Augen zukneift; Poroschenko, wie er das Megaphon schwenkt.

          Für den Aufstieg des Mannes, der jetzt allen Umfragen zufolge auf dem besten Weg zu sein scheint, Präsident der Ukraine zu werden, waren diese Bilder so wichtig wie die legendären Aufnahmen Boris Jelzins auf dem Panzerverdeck während der Abwehr des Moskauer August-Putsches von 1991. Poroschenko, ein milliardenschwerer Geschäftsmann und fraktionsloser Abgeordneter, der sich bis dahin in den Krisen der Ukraine nie ganz eindeutig positioniert hatte, der von manchen als unzuverlässiger Lavierer betrachtet wurde, gilt plötzlich als Kämpfer, als Führungsfigur, als ein Mann der Stunde voll Entschlossenheit.

          Mittler, Bremser und Moderator

          Sein Ruf als mutiger Mann geht allerdings weiter zurück. Unter den Oligarchen der Ukraine nämlich hatte er sich Janukowitsch am deutlichsten widersetzt. Sein Fernsehsender, der 5. Kanal, war stets konsequent regimekritisch und proeuropäisch gewesen. Daran änderte sich selbst dann nichts, als Moskau, das alles daran setzt, die Ukraine von Europa fernzuhalten, Poroschenkos Süßwarenkonzern Roshen im Sommer 2013 mit Schikanen überzog. Aber die Episode auf dem Bagger transportierte noch eine andere Botschaft. Sie zeigte Poroschenko zwar eindeutig auf der Seite des Majdan, inmitten der revolutionären Leidenschaften und sichtlich von ihnen erfasst, aber sie zeigte ihn zugleich als einen Mittler, als Bremser und Moderator.

          Wer auf seine Biographie blickt, wird ihn oft in dieser Doppelrolle sehen. Oft war er beides nacheinander und manchmal beides zugleich. Im Jahr 2001 trug er zur Gründung von Janukowitschs „Partei der Regionen“ bei, aber schon 2004, während der „Revolution in Orange“, trug sein 5. Kanal entscheidend zu deren erstem Machtverlust bei. Zu allen Seiten hat er Kontakte gepflegt. Unter Präsident Viktor Juschtschenko, dem ersten Helden der Demokratiebewegung, war er (unter anderem) Außenminister, und unter Janukowitsch war er Minister für wirtschaftliche Entwicklung, allerdings nicht für lange. Er schied aus dem Amt, nachdem der Präsident öffentlich gedroht hatte, ihm „den Kopf abzureißen“, wenn seine Arbeit nicht bald den Wünschen des Chefs entspreche.

          Die Wurzeln seines Reichtums gleichen denen anderer Oligarchen. Wie viele von ihnen ist er Herrscher über eine Art persönliches Fürstentum – die Stadt Winniza in der Zentralukraine, wo seine Schokoladenproduktion ihren Schwerpunkt hat. Politischen Einfluss übt er mit Hilfe seines Senders aus, und vor Druck schützt er sich durch Diversifizierung. Neben seinem Kerngeschäft Schokolade ist er in der Autoproduktion und im Schiffbau aktiv.

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