https://www.faz.net/-gpf-7pi7g

Präsidentschaftskandidat Poroschenko : Der Mann auf dem Bagger

Das Land ist im Krieg

Im Gegenzug unterstützt der Milliardär Klitschkos Bewerbung um das Amt des Kiewer Bürgermeisters, das wie das des Präsidenten am Sonntag zur Wahl steht. Auf Wahlveranstaltungen, wie am Wochenende in der Millionenstadt Dnipropetrowsk, trat er als Kronzeuge für Poroschenkos Kernbotschaft auf: Nur „geeint“ könnten die Demokraten der Ukraine die Krise dieser Tage, die „Aggression“ Russlands und den Vormarsch der „Separatisten“ im Osten stoppen. Wenn er diese Botschaft verkündet, streckt der Boxer die Rechte in den Himmel: Nur wenn die fünf Finger einer Faust diszipliniert nebeneinander liegen, geeint zum Stoß, kann das Knock-out gelingen.

Das Knock-out nämlich, der Sieg im ersten Wahlgang, ist Poroschenkos Ziel. Die Argumentation, die er jetzt, im Schlussspurt seines Wahlkampfs, dreimal täglich über die Stahlwerksvorplätze und Zentralboulevards ukrainischer Provinzstädte brüllt, besteht aus drei einfachen Botschaften. Erstens: Das Land ist im Krieg. Zweitens: Wenn es in diesem Krieg nicht untergehen will, braucht das Land sofort eine legitimierte, starke Führung. Drittens: Eine legitimierte, starke Führung kann es nur geben, wenn am Sonntag ein entschlossener Mann im ersten Wahlgang gewinnt. Alles andere bedeute Chaos bis in den Herbst.

Um diesem Dreisatz Wucht zu verleihen, hat Poroschenko am Wochenende in den Industriestädten der Südostukraine, in Dnipropetrowsk und Dniprodscherschynsk, in Nikopol und Melitopol, die Unruhen im mehrheitlich russischsprachigen Industriegebiet Donbass in den bedrohlichsten Farben geschildert. Immer wieder hat er die Episode vom Bauern erzählt, den separatistische „Mörder und Marodeure“ hingerichtet haben sollen, weil er Regierungssoldaten Essen vorbeibrachte, oder die vom orthodoxen Popen, der an einer Barrikade von prorussischen Aufständischen erschossen worden ist. Der Vorfall wird im Internet unterschiedlich geschildert, aber Poroschenko stellt ihn in aufwühlenden Details dar: Während der Pope noch ein Vaterunser gebetet habe, hätten diese „Banditen“ ihn ermordet – und nur, weil er sie zum Frieden aufgerufen habe.

An dieser Stelle zieht Poroschenko regelmäßig sämtliche Register der Bühnenkunst. Seine Fäuste beben, und der Kandidat hebt seinen wuchtigen Körper zur vollen Höhe, bis auf die Zehenspitzen. „Welche Sprache verstehen Menschen wie diese, wenn sie kein Russisch verstehen, kein Ukrainisch und nicht einmal Kirchenslawisch?!“, donnert er dann. „Nur die Sprache der Gewalt!“ Mit Terroristen könne es keine Verhandlungen geben. Panzer für die Armee, mehr Sold für die Soldaten – das ist Poroschenkos Weg zum Sieg. „Punkt.“ Dennoch wird die Kampfrhetorik dieses Kandidaten möglicherweise nach vollbrachter Wahl, wenn keine Konkurrenten mehr zu übertönen sind, nicht automatisch auch die reale Politik des nächsten ukrainischen Präsidenten und Oberbefehlshabers werden.

Poroschenko lässt zwar auf der Bühne keinen Zweifel daran zu, dass über die proeuropäische Richtung seines Landes und den Kampf für die Einheit kein Kompromiss möglich sei. In seinem Tross aber sind neben solchen Schlachtrufen auch andere Töne zu hören. Das Argument, das Vorwurfsstakkato dieses Kandidaten gegen „Terroristen und Mörder“ werde die russischsprachige Bevölkerung der Unruheregion Donbass nur noch weiter von „Kiew“ entfernen, wird hinter den Kulissen jedenfalls nicht rundweg zurückgewiesen – ebenso wenig wie der Gedanke, neben entschlossenem Gegendruck müsse es auch Angebote an die friedliche Mehrheit mit ihren Autonomiebestrebungen geben.

Offenbar soll hier auch Deutschland eine Rolle spielen – in Poroschenkos Führungsstab heißt es jedenfalls, bei dessen Besuch in Berlin Anfang Mai habe er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier über ein deutsches Hilfsprogramm für das Donbass gesprochen, um Arbeitsplätze zu schaffen und das schlechte Image der EU in dieser Region zu verbessern. Die Deutschen hätten zugesagt, die Idee zu unterstützen. Der Mann, der auf einem Bagger seine große Stunde hatte, rast jetzt im Kampfpanzer der Ziellinie zu. Wenn er die Einheit seines Landes erhalten will, wird er die Luken bald wieder öffnen müssen.

Weitere Themen

Europäischer Plan für den Klimaschutz Video-Seite öffnen

Von der Leyens „Green Deal“ : Europäischer Plan für den Klimaschutz

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat ihr „Green Deal“-Projekt für ein klimafreundliches Europa vorgestellt. Die EU will dafür bis 2030 insgesamt eine Billion Euro mobilisieren. Ziel ist es, dass die Europäische Union bis 2050 „klimaneutral“ agiert.

Topmeldungen

Ökonom Gabriel Felbermayr : „Trump hat dem Welthandel bisher nicht geschadet“

Der Ökonom Gabriel Felbermayr hat seine Meinung geändert: Zölle findet er nicht mehr so schlimm wie früher. Im Interview erklärt er, wie Deutschland mit Amerika und China umgehen sollte und warum es eine Digitalsteuer braucht.
Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.

Arbeitsrecht : Keine Lohnfortzahlung bei neuer Erkrankung

Kranke Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf sechs Wochen Entgeltfortzahlung. Kommt der Mitarbeiter dann direkt mit einem weiteren Krankenschein, kann der Chef die Zahlung verweigern. Das hat das Bundesarbeitsgericht in Erfurt bestätigt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.