https://www.faz.net/-gpf-7pi7g

Präsidentschaftskandidat Poroschenko : Der Mann auf dem Bagger

Kaum finstere Legenden

Anders als um andere ukrainische Magnaten ranken sich um seine Person aber kaum finstere Legenden. Er hat seinen Geschäften nicht durch die Heirat mit einer Präsidententochter Nachhaltigkeit verliehen wie Viktor Pintschuk, und er ist auch nicht als Überlebender aus einem blutigen Gangsterkrieg hervorgegangen wie Rinat Achmetow. Zwar wird auch er kritisiert; manche sagen, er habe zu den „lieben Freunden“ des Revolutionsidols Juschtschenko gehört, als dessen Freiheitskampf in Günstlingswirtschaft umschlug; andere sind der Ansicht, er habe vielleicht als Wirtschaftsminister seine Autobranche ein wenig zu sehr begünstigt. Dennoch hat er anders als zum Beispiel Janukowitsch mit seinem atemberaubenden Märchenpalast „Meschihirija“ keinen „rauchenden Colt“ hinterlassen.

Trotzdem ist seine Vergangenheit als Oligarch in diesem Wahlkampf seine empfindliche Stelle. Seine Konkurrenten sind den Umfragen zufolge weit abgeschlagen. Aber vor allem die frühere Ministerpräsdentin Julija Timoschenko, die mit ihrem blondierten Haarkranz lange Zeit das Markenzeichen der Demokratiebewegung war und unter Janukowitsch lange in Haft saß, weist immer wieder auf die Gefahren hin, die von Poroschenkos mutmaßlichen Verstrickungen ausgehen.

Kürzlich erst hat sie daran erinnert, dass er sich vor nicht allzu langer Zeit in Wien mit dem Milliardär Dmytro Firtasch getroffen hat – einem Mann, der im März aufgrund eines amerikanischen Haftbefehls in Österreich vorübergehend festgenommen, dann aber gegen 125 Millionen Euro Kaution wieder freigelassen worden war. Dieser Vorwurf ist in der nachrevolutionären Ukraine mit ihren oligarchenkritischen und antirussischen Emotionen potentiell mörderisch, weil der Gashändler Firtasch manchen als einer der wichtigsten Verbündeten des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Lande gilt.

Schwäche seiner Konkurrenten

Dass Poroschenko trotz solcher Anschuldigungen jetzt die Umfragen mit großem Abstand anführt, hat aber nicht nur mit ihm selbst zu tun, sondern mit der Schwäche seiner Konkurrenten. Janukowitschs „Partei der Regionen“ ist nach der kopflosen Flucht des Präsidenten in Auflösung begriffen, ihr Kandidat Michail Dobkin gilt als chancenlos. Aber auch im proeuropäischen Lager hat sich kein ernster Gegner etablieren können. Julija Timoschenko scheint nach ihrer Haftentlassung Schwierigkeiten zu haben, an ihre alte Popularität anzuknüpfen.

Sie hat im Gefängnis den Majdan nicht miterlebt, und vielleicht versteht sie nicht, dass ihr Land nach diesem ebenso entschlossenen wie selbstbestimmten Bürgeraufstand nicht mehr dasselbe ist. Wie ihren gefärbten Haarkranz hat sie auch ihre Tendenz zu manipulativer Vereinfachung und schwarzer Propaganda behalten. Die ukrainische Bürgerbewegung aber, die im Winter der Revolution einen forcierten Reifungsprozess erlebt hat, scheint nicht mehr bereit, dem Führungsanspruch der glamourös-emotionalen Kunstgestalt zu folgen, zu welcher Timoschenko sich seit Jahren stilisiert. „Sie hat im Gefängnis eben ihre Hausaufgaben nicht gemacht“, sagt man in Poroschenkos Lager dazu.

Während Timoschenko dennoch weiterkämpft, ist ein anderer Konkurrent Poroschenkos einen anderen Weg gegangen. Der frühere Boxweltmeister Vitali Klitschko, der eigentlich zu den wichtigsten politischen Köpfen des Majdan gehört hatte, hat überraschend seinen Führungsanspruch aufgegeben und sich Poroschenko an die Seite gestellt. Klitschko, der als Redner kein Charisma besitzt, hat Zweifel an seiner politischen Begabung nie ausräumen können. Statt gegen Poroschenko anzutreten, ein rednerisches Naturtalent voll Witz und Dynamik, zog er es deshalb vor, sich mit ihm zu einigen.

Weitere Themen

Greta rechnet mit Politikern ab Video-Seite öffnen

Klimagipfel in Madrid : Greta rechnet mit Politikern ab

Viele Staats- und Regierungschefs würden nur so tun, als ob sie etwas gegen die Klimakrise tun würden, sagte die 16-jährige Klimaaktivistin auf der UN-Klimakonferenz in Madrid.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.