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Präsidentenwahl in Polen : Duda schafft das Unmögliche

Bild: AFP

Andrzej Duda war der Kandidat ohne Chance. Er hatte nur ehrbar verlieren und dann in der Versenkung verschwinden sollen. Doch es kam alles anders.

          Als Andrzej Duda am ersten Morgen nach seinem Triumph in der polnischen Präsidentenwahl auf die Straße ging, um den Passanten vor der Warschauer U-Bahnstation „Centrum“ Kaffee auszugeben, fehlte unter den Gratulanten immer noch derjenige, auf den es wohl am meisten ankam. Viele hatten dem Kandidaten der nationalkatholischen Rechten da schon öffentlich Glück gewünscht: zuerst der unterlegene Amtsinhaber, der liberale Zentrist Bronislaw Komorowski, der schon Minuten nach der Bekanntgabe der ersten vorläufigen Zahlen seine Niederlage eingestanden hatte, dann Freunde und Gegner, zuletzt sogar der ungekrönte König des liberal-laizistischen Lagers in Polen, Adam Michnik, der Chefredakteur der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“. Nur einer fehlte noch unter den Gratulanten: Der Mann, der den Sieger dieser Nacht vor einem halben Jahr erfunden hatte, um ihn gegen Komorowski, der damals als unschlagbar galt, in einen scheinbar hoffnungslosen Kampf zu schicken.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das ist Jaroslaw Kaczynski, der streitbare Führer der polnischen Rechten, Vorsitzender der nationalkatholischen Oppositionspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS). Am Wahlabend war von ihm nichts zu sehen, nicht im Fernsehen und nicht in der jubelnden Menge auf Dudas Wahlparty. Wahlkampfleiterin Beata Szydlo musste in die Lücke springen und ein paar Worte sagen, als Journalisten sie drängten: „Glauben sie mir bitte, der Herr Vorsitzende ist wirklich sehr glücklich und gerührt von dem, was geschehen ist.“

          Das Unmögliche geschafft

          Kaczynski hatte Duda aus mehreren Gründen in dieser Wahl an die Spitze gestellt. Er selbst ist zwar auf der polnischen Rechten der unumstrittene Kristallisationspunkt aller Strömungen, doch seit er zwischen 2005 und 2007 Ministerpräsident war, gilt er für alle anderen Milieus des Landes, von der dominierenden liberalen Mitte bis zu den postkommunistischen Restbeständen oder der urbanen Boheme als unwählbar. Sein Stil galt als zu aggressiv, um auf Mehrheiten hoffen zu können. Seine Regierungszeit war zu sehr geprägt von bitterem Streit mit allen, die sich nicht unterordneten: mit Liberalen, Schwulen, mutmaßlichen Kommunisten und imaginären antipolnischen Verschwörern. Von den mehr als fünfzig Prozent Unterstützung, die für einen direkt gewählten Präsidenten nun einmal nötig sind, konnte er nicht einmal träumen.

          So hat Kaczynski also an einem Dezembertag 2014 Andrzej Duda aus dem Hut gezaubert. Das Kalkül war, mit diesem Mann, der nicht die Last alter Konflikte mit sich trug, zumindest das „gläserne Dach“ der etwa 30 Prozent zu durchbrechen, das Kaczynskis PiS seit Jahren umschloss, weil der grimmige Vorsitzende, wo immer er sich zeigte, zwar seine patriotisch-klerikal gesonnenen Anhänger mobilisierte, aber seine laizistisch-liberalen Gegner eben noch viel mehr. Kaczynski ging es vor allem darum, eine krachende Niederlage zu vermeiden, um nicht mit einem Verlierer-Image in die Parlamentswahl im folgenden Herbst ziehen zu müssen.

          Andrzej Duda schien sich für diese Aufgabe hervorragend zu eigenen. 1972 in der konservativen alten Königsstadt Krakau geboren, gehört er zu einer Generation, die nicht mehr wie die des deutlich älteren Kaczynskis oder seines Gegners Komorowski von den bitteren Emotionen des antikommunistischen Untergrundkampfs geprägt ist. Dennoch bringt er alles mit, was ein konservativer Kandidat in Polen so im Marschgepäck haben muss: Als Junge war er Ministrant, später bei den patriotischen Pfadfindern, und seine ersten politischen Erfahrungen sammelte er als Berater des Präsidenten Lech Kaczynski, des Zwillingsbruders Jaroslaw Kaczynksis.

          An Duda kommt Kaczynski nicht mehr vorbei

          Mit diesen Insignien ausgestattet, richtete Duda seinen Wahlkampf konsequent auf jene Milieus aus, die für Kaczynski unerreichbar waren, weil sie jenseits der „eisernen“ nationalkonservativen Wählerschaft liegen und sich vor deren Militanz und Kompromisslosigkeit fürchten. In seiner Kampagne hat Duda deshalb einerseits auf teure Wahlversprechen gesetzt, andererseits aber auf die konsequente Vermeidung all der Kampfparolen, für die sein Mentor Kaczynski immer stand. Wo Duda auftrat, war von Versöhnung und Einheit die Rede. Nichts zu hören war von „Mördern“ und „Verrätern“ und von einem vermeintlichen deutsch-russischen „Kondominium“ zur Unterjochung Polens, einem Lieblingsthema des alten Vorsitzenden. Auch die Vogelscheuchen der Rechten, die „Schwulen“, „Kommunisten“ und „Agenten“, die in der Mythologie dieses Milieus das Vaterland bedrohen, blieben im Schuppen.

          Nun ist diese Strategie gegen alle Erwartungen erfolgreich gewesen. Duda, als lächelnder Homunculus des alten Meisters konzipiert, hat das Unmögliche geschafft: Sein dominierender Gegner Komorowski ist besiegt.

          Aber am Wahlabend fehlte nicht nur die Gratulation Kaczynskis. Auch Duda selbst hat seinen Schöpfer in seiner Dankesrede mit keinem Wort erwähnt. Was immer der Grund dafür gewesen sein mag – eines ist klar: Nach diesem Sieg ist vieles nicht mehr wie früher auf der polnischen Rechten. Kaczynskis Handpuppe, der Mann, der eigentlich nur ehrbar verlieren und dann in der Versenkung verschwinden sollte, hat geschafft, was sein Mentor seit dessen Sturz als Regierungschef im Jahre 2007 nicht mehr gelungen ist: er hat eine Wahl gewonnen, und er hat vor allem deshalb gesiegt, weil er eben nicht wie Jaroslaw Kaczynski ist, nicht ideologisch-national, nicht kriegerisch und anklagend, sondern konsensorientiert, jovial, jung.

          In der Vergangenheit hat der alte Vorsitzende solche jungen Männer, die im eigenen Lager um Mitsprache kämpften, immer eisig abserviert. Jetzt aber hat einer die Chance, sich als direkt gewählter Präsident aus der Abhängigkeit zu lösen. An Duda kommt Kaczynski nicht mehr vorbei. Wenn sein Zögling jetzt den Führungsanspruch erheben wollte auf der polnischen Rechten, könnte ihm den keiner verwehren.

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