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Wahl in Kolumbien : „TikTok-Opa“ schockt Kolumbiens Linke

Rodolfo Hernández in Bucaramanga nach der Stimmabgabe Bild: AFP

Der 77 Jahre alte Rodolfo Hernández pfeift auf die etablierten Medien. Bekannt ist er durch seine Tiktok-Videos. Jetzt hat er gute Chancen, Präsident Kolumbiens zu werden.

          3 Min.

          Jeder kennt die Filmszene, in der sich Forrest Gump auf einen Dauerlauf begibt. Kolumbiens Präsidentschaftskandidat Rodolfo Hernández hat sich die Szene zu eigen gemacht – auf Tiktok, der bei jungen Menschen beliebten Kurzvideo-Plattform. Recht schlicht ist Hernández’ Gesicht über jenes von Forrest Gump (gespielt von Tom Hanks) montiert, die Dialoge wurden angepasst.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Selbst würde Hernández keinen Kilometer im Laufschritt schaffen. Der Bauunternehmer und frühere Bürgermeister von Bucaramanga ist 77 Jahre alt. Und dennoch kommt er bei vielen jungen Kolumbianern an. Eine halbe Million Nutzer hat das Video abgerufen, das damit eine für Hernández eher mittelmäßige „Einschaltquote“ hat. Andere Videos wurden millionenfach angeklickt. Sein Wahlkampf in den sozialen Netzwerken lief derart gut, dass er es nicht für nötig hielt, Kampagnenanlässe zu organisieren. Diese seien konstruiert, Leute würden für ihre Teilnahme bezahlt, sagte er einmal. Auch den Fernsehdebatten bliebt Hernández fern.

          Auch ohne die Präsenz in den etablierten Medien hat es der anfänglich als absoluter Außenseiter abgestempelte politische Quereinsteiger in die Stichwahl geschafft. Mit 28 Prozent der Stimmen erreichte er am Sonntag ein besseres Resultat als der Konservative Federico Gutiérrez (24 Prozent) und trifft nun am 19. Juni auf den linken Gustavo Petro, der sich mit 40 Prozent der Stimmen klar von seinen Mitstreitern absetzen konnte. Nachdem sich Gutiérrez jedoch bereits auf die Seite von Hernández geschlagen hat, gilt der „Tiktok-Opa“ nun als Favorit für die Stichwahl. Gutiérrez bezeichnete Petro nach der verlorenen Wahl als eine „Gefahr für die Demokratie, die Freiheit, die Wirtschaft und die Familie“, deshalb gelte es, Hernández zu wählen.

          Petro war einst Guerilla-Mitglied

          Petro, in jungen Jahren Mitglied der sozialistischen Stadtguerilla M-19, hat sein Potenzial wohl schon weitgehend ausgeschöpft. Er hat nur eine Chance, wenn es ihm gelingt, massenweise Nichtwähler zu mobilisieren und wenn gleichzeitig die Begeisterung für seinen Kontrahenten Hernández sinkt. Theoretisch ist das möglich, etwa 45 Prozent der Wahlberechtigten sind dem ersten Wahlgang ferngeblieben, was für Kolumbien jedoch ein normaler Wert ist.

          Hernández ist allerdings nicht Petros Wunschgegner. Der linke Senator hatte sich auf einen klassischen Kampf gegen das „Establishment“ eingestellt, auf das er während seiner gesamten Kampagne die Unzufriedenheit der Kolumbianer gelenkt hat. Hernández macht es ihm gleich. Auch er gehört nicht der Politelite des Landes an, der alle Problemeangelastet werden. Er hält sich nicht an Konventionen, gibt Interviews im Pyjama, wählt eine grobe Sprache, beschimpft seine Gegner, ist betont politisch inkorrekt – oder authentisch, wie seine Anhänger glauben. Viele Analysten vergleichen ihn mit Donald Trump. Tatsächlich ist seine politische Situation vergleichbar: Hernández ist konservativ, lehnt sich jedoch gegen das konservative „Establishment“ auf, das ihn dann aber trotzdem wählt.

          Wo Hernández politisch genau steht, ist nicht einfach einzuordnen. Er ist konservativ-liberal, vertritt aber in einigen Punkten relativ progressive Ansichten wie zum Beispiel eine Entkriminalisierung des Rauschgiftkonsums. Auch steht Hernández für Friedensverhandlungen mit der „Nationalen Befreiungsarmee“ (ELN) ein, die für die Entführung und Ermordung seiner eigenen Tochter vor knapp 20 Jahren verantwortlich ist. Kritisch hat er sich zum Thema Fracking geäußert, womit er auf derselben Linie wie Petro liegt, der die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz für sich beansprucht.

          In vielen Themen bleibt Hernández jedoch unscharf oder er ändert seine Meinung.In der Vergangenheit hatte er einmal seine Bewunderung für Adolf Hitler ausgedrückt, um sich Jahre später zu korrigieren. Er habe Albert Einstein gemeint. Auch der von ihm und seiner selbst gegründeten Partei „Antikorruptions-Liga“ geführte Kampf gegen die Korruption ist nicht widerspruchsfrei. Hernández selbst ist in ein Korruptionsverfahren verwickelt, bestreitet jedoch, jemals auch nur „einen Peso“ geklaut zu haben. Petro sagt, Korruption lasse sich nicht auf Tiktok bekämpfen, doch der Wahlkampf gegen Hernández folgt keinen Regeln. Der erste Wahlgang zeigt in jedem Fall die Unzufriedenheit der Kolumbianer mit der „alten Politik“ und den Wunsch nach Wandel. Das Misstrauen gegen Petro und dessen Wunsch nach Sozialismus bleibt aber sehr groß.

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