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Nach der Wahl in Kenia : Das angespannte Warten auf ein Ergebnis

Das ganze Land debattiert über die Wahl: Bewohner des Slums Kibera versammeln sich vor einem Wandgemälde des Präsidentschaftskandidaten Odinga. Bild: AP

Das öffentliche Leben in Kenia steht still, das ganze Land wartet auf das offizielle Ergebnis der Präsidentenwahl. Die Angst vor Unruhen geht um. Eindrücke aus dem größten Slum der Hauptstadt.

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          Der Hauptplatz von Kibera ist voller Menschen. Auf einem Flachbildschirm, den jemand an ein wackeliges Holzgerüst geklemmt hat, flimmern die Zwischenergebnisse der Wahlen in Kenia. „Die meisten sitzen schon seit Tagen dort, gehen nur kurz zum Essen und Schlafen nach Hause“, erzählt Mike Wayama, der in der Nähe eine Schule betreibt. Kibera ist angeblich der größte Slum in Afrika, in der Hauptstadt Nairobi nennt ihn jeder nur „Kibra“. Wie überall im Land gibt es dort seit Tagen kein anderes Thema als den Urnengang am Dienstag, in dem die Wähler unter anderem über einen neuen Präsidenten abgestimmt haben.

          Claudia Bröll
          Politische Korrespondentin für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Mit jedem Tag ohne offizielles Endergebnis nimmt die Spannung zu. Auch drei Tage nach der Wahl ist völlig unklar, wer gewonnen haben könnte. Die beiden Hauptrivalen liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Vizepräsident William Ruto tritt gegen den Oppositionsveteran Raila Odinga an. Der Zeitung „Daily Nation“ zufolge lag Ruto am Freitagmorgen mit 49,91 Prozent vor Odinga mit 49,42 Prozent. Der Rest entfiel auf zwei Außenseiter-Kandidaten.

          Die Frage, wen die Anwohner von Kibra gewählt haben, erübrigt sich fast. Dies ist der Wahlkreis des 77 Jahre alten Odinga, der schon vier Mal bei einer Wahl angetreten ist. Im fünften Anlauf will er jetzt endlich das wichtigste Amt im Staat erringen. Dieses Ziel hatte schon sein Vater. Er war der erste Vizepräsident Kenias nach der Unabhängigkeit und danach viele Jahre lang Oppositionsführer. „Odinga hat gewonnen“, sagt einer aus der Menge mit orangefarbener ODM-Kappe und einem etwas glasigen Blick. Vermutlich ist er einer von denen, die seit dem Urnengang fast durchgehend auf dem Platz sitzen und sich die Wartezeit mit selbstgebrautem Changaa, einem beliebten alkoholhaltigen Getränk, vertreiben. ODM ist die Partei Odingas, Orange ist ihre Farbe. In Kibra sind manche Verkaufsstände und Schulmauern komplett mit orangefarbenen Werbeplakaten tapeziert.

          Bislang ist die Stimmung friedlich

          Die Stimmung im Land ist bisher recht friedlich. In Nairobi ist trotzdem Nervosität zu spüren. In früheren Wahlen, insbesondere 2007, waren Unruhen nach der Verkündung des Wahlergebnisses ausgebrochen. Alle Schulen sind bis kommenden Montag geschlossen. Manche Unternehmen haben ihren Beschäftigten die gesamte Woche frei gegeben. Kaum Verkehr herrscht auf den normalerweise chronisch verstopften Straßen von Nairobi. In Vierteln wie Kibra kann erfahrungsgemäß schnell Gewalt ausbrechen. Mehrere Uber-Fahrer haben Fahrten dorthin abgelehnt. Im Trubel auf dem Hauptplatz mag man es sich tatsächlich nicht ausmalen, was passiert, sollte auf dem Fernsehbildschirm nicht Odinga, sondern Ruto als Wahlsieger auftauchen.

          Kurz vor der Wahl hatten beide Kandidaten dazu aufgerufen, friedlich zu bleiben und zu beten. Für die wichtigste Volkswirtschaft in Ostafrika wäre es ein weiterer harter Schlag, wenn nach der Corona-Pandemie, nach Dürren und dem jüngst rasanten Anstieg der Lebensmittel- und Treibstoffpreise auch noch Bilder von Unruhen um die Welt gingen. „Wir wollen Frieden, wir müssen die Entscheidung des Volkes akzeptieren”, sagte Ruto.

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