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Präsidentenwahl in Indonesien : Die Entzauberung des Joko Widodo

Gefeiert: Joko Widodo, der Kandidat der Demokratischen Partei für die Präsidentenwahl in Indonesien Bild: AFP

Lange Zeit galt der Gouverneur von Jakarta als Favorit der indonesischen Präsidentenwahl - nun gibt es Zweifel an seiner Eignung. Sein Umfragetief könnte zum Erfolg eines „starken Mannes“ führen.

          Bis vor kurzem sah es in Kalianyar so aus wie in den meisten Slums der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Die Gassen waren eng und der Gestank unerträglich. Doch nun stehen in Kalianyar neue, zweistöckige Wohnhäuser; die Fassaden sind in frischem Gelb angestrichen und verziert mit Blumentöpfen. Mit ihren holzfarbenen Türen, Fenstern und schmalen Balkonen sehen sie beinahe wie Alpenhütten aus. Die Wege zwischen den Häusern sind fast einen Meter breiter als in den umliegenden Slums.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Wenn man die Bewohner hier fragt, wem sie das zu verdanken haben, dann fällt immer wieder ein Name: „Jokowi“. Das ist der Spitzname des amtierenden Gouverneurs der Hauptstadt und Kandidaten für die indonesische Präsidentenwahl am Mittwoch, Joko Widodo. Am Eingang der Siedlung hängt sogar ein Plakat mit seinem Konterfei. Dabei betrachteten anfänglich viele aus der Nachbarschaft Kalianyars das von ihm angestoßene Wohnprojekt mit Skepsis. „Es gab anfänglich zu wenige Informationen. Aber nun hoffen wir, bei der zweiten Phase des Projekts mitmachen zu können“, sagt Tjung Dji Fo, die nebenan einen kleinen Mobiltelefonladen betreibt. Als „Jokowi“ das Projekt zum ersten Mal besichtigte, habe sie versucht, ihn persönlich darauf anzusprechen, sagt die Frau. Aber er sei von zu vielen Fans umringt und daher unerreichbar gewesen.

          Es war einer seiner typischen Ortstermine („blusukan“), für die Widodo in Indonesien bekannt ist und bei denen er sich meist hemdsärmelig dem Volk nähert oder seinen Angestellten aus der Verwaltung unangemeldet auf die Finger schaut. Über die früheren Zustände in dem Viertel hatte Joko Widodo gesagt: „Die Häuser hier waren gerammelt voll, so dass man kaum atmen konnte. Selbst mit meinem dünnen Körper konnte ich schwer reinkommen, geschweige denn die Dicken.“ Die meisten Anwohner sind begeistert von den Neuerungen. „Ich bin sehr glücklich, mein altes Haus hatte sehr tiefe Decken, jetzt sind sie viel höher“, sagt die 60 Jahre alte Rohanah. „Jokowi“ sei ein gütiger und freundlicher Mann.

          Neu: Früher war Kalianyar im Norden Jakartas ein Slum wie jeder andere. Jetzt gibt es saubere Straßen und zweistöckige Häuser.

          Neben solchen Projekten dürfte die wichtigste Errungenschaft seiner Gouverneurszeit die Einführung eines Gesundheitsprogramms gewesen sein, das vor allem die Krankenversorgung der armen Bevölkerung verbessert hat. „Viele Menschen haben durch ihn zum ersten Mal ein Krankenhaus von innen gesehen“, sagt Marcus Mietzner, Indonesien-Fachmann an der Australian National University.

          Allerdings könnte die Stadt bald auf ihren Hoffnungsträger verzichten müssen. Wenige Tage vor der Präsidentenwahl liefert sich Widodo ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem zweiten Kandidaten, dem früheren General Prabowo Subianto. Lange Zeit galt Widodo als Favorit. Schon kurz nach seinem Antritt als Gouverneur hatten ihn die Kommentatoren als aussichtsreichsten Kandidaten für das Amt des Präsidenten ins Gespräch gebracht. Die Indonesier sehen in ihm eine neue Art von Politiker, einen Mann aus dem Volke und nicht aus der etablierten Klasse. Er hört ihnen zu, nimmt sie ernst und ist, soweit man weiß, auch nicht korrupt.

          Nur durchwachsene Bilanz in Jakarta

          Aus Sicht mancher in Jakarta käme der Wechsel in das höchste Staatsamt allerdings zu früh. „Mir ist es lieber, wenn er Gouverneur von Jakarta bleibt und seinen Job zu Ende bringt, bevor er Präsident wird“, sagt Gusnia Ningsih, die in einem der neuen Häuser in Kalianyar wohnt. Widodos Bilanz als oberster Herr der Hauptstadtverwaltung ist nach weniger als 20 Monaten Amtszeit denn auch nur durchwachsen. Nur wenige der unzähligen Probleme hat er in dieser kurzen Zeit in den Griff bekommen. Die Infrastruktur der Megastadt ist nach wie vor unterirdisch, der Verkehr eine Katastrophe. Bei der Einführung neuer Bussysteme gab es ebenso Probleme wie beim lang erwarteten Baubeginn für eine U-Bahn. Für die Zeit des Wahlkampfs hat Widodo zudem die Amtsführung schon kommissarisch an seinen Stellvertreter abgegeben.

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