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Präsidentenwahl in Indonesien : Die Entzauberung des Joko Widodo

In Jelambar Jaya, einem Viertel am Ufer eines Kanals im Westen der Hauptstadt, sind die Menschen denn auch nicht ganz so glücklich mit Widodos Politik wie in Kalianyar. Der Stadtteil ist einer der am dichtesten besiedelten Jakartas. Er leidet unter den immer wieder auftretenden Überschwemmungen, die in ganz Jakarta allein in diesem Jahr zwölf Menschen das Leben gekostet und 130000 aus ihren Häusern vertrieben haben. „Sobald es regnet, steht alles unter Wasser“, sagt die 34 Jahre alte Yanti Eri.

In Jelambar, einem Stadtteil von Jakarta, hat sich eine Dauerpfütze gebildet

Sie betreibt etwa 100 Meter vom Fluss entfernt ein kleines Restaurant, vor dem sich dauerhaft eine mehrere Meter breite Pfütze gebildet hat. Nicht selten reiche ihr die braune Brühe bis an die Knie, berichtet die Frau. „Wir leiden darunter, wenn das Wasser bis in das Haus eindringt“, sagt sie. Ihr Hab und Gut hat die Familie deshalb vollständig auf Regale gestellt. Bisher habe die Stadtverwaltung nichts gegen ihre missliche Lage unternommen. „Ich habe Jokowi gewählt, aber ich glaube nicht, dass er sein Versprechen gehalten hat. Es wird nicht besser, sondern nur noch schlechter“, schimpft Yanti Eri.

Die Maßnahmen zur Flutkontrolle und Staureduzierung seien unter Joko Widodo nur schleppend vorangekommen, sagt auch der Indonesien-Fachmann Marcus Mietzner. Dabei schien Widodo der beste Mann zu sein, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Als Bürgermeister der 500.000-Einwohner-Stadt Solo im Zentrum Javas war er landesweit bekannt geworden. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2005 hatte er die Stadt sauberer und grüner gemacht, hatte Industrie angelockt und religiöse Konflikte entschärft. Im Jahr 2010 wählten ihn die Bürger mit mehr als 90 Prozent der Stimmen wieder. Eine gewaltige Beliebtheitswelle spülte ihn dann im Jahr 2012 an die Spitze Jakartas, eines der größten urbanen Zentren der Welt.

Zweifel an Widodos Führungsstärke

Doch in den vergangenen Wochen hat es eine allmähliche Entzauberung des Kandidaten gegeben. Bei der Parlamentswahl im April bekam seine „Partei des demokratischen Kampfes“ (PDI-P) zwar die Mehrheit. Sie schnitt mit weniger als 20 Prozent der Stimmen aber schlechter ab als erwartet. Auch der schon sicher geglaubte Sieg bei der Präsidentenwahl ist nun zunehmend in Gefahr. In nur drei Monaten ist Widodos Vorsprung in den Umfragen von 27 Prozentpunkten auf drei Prozentpunkte zusammengeschrumpft.

Es gibt offenbar Zweifel, dass Widodo über die Führungsstärke und die Erfahrung verfügt, die nötig sind, um ein Land mit 250 Millionen Menschen zu führen. Seine Gegner werfen ihm vor, nur eine Marionette seiner Parteichefin zu sein, der früheren Präsidentin und Tochter des Staatsgründers Sukarno, Megawati Sukarnoputri. Widodo selbst beklagte sich in einem Interview mit der Zeitschrift „Tempo“, er sei zum Ziel einer „Schmierkampagne“ geworden. Ihm wurde vorgeworfen, kein Muslim, sondern Christ chinesischer Abstammung zu sein. Ein Makel im überwiegend muslimisch-malaiisch geprägten Indonesien. Dabei fiel es dem Kandidaten nicht schwer, ihn zu entkräften.

Der frühere General Prabowo Subianto inszeniert sich im Wahlkampf als „starker Mann“

Aus diesen Gründen steht der Gegenkandidat, Prabowo Subianto, der sich erfolgreich als „starker Mann“ inszeniert hat, in dem Rennen derzeit womöglich besser da. Im Falle seines Sieges wird befürchtet, dass der frühere Schwiegersohn des ehemaligen Machthabers Suharto Indonesien zurück in die Zeit der Autokratie führen könnte. Er lässt sich zudem von einer radikal-islamistischen Gruppe unterstützen.

Von Joko Widodo wird dagegen ein moderater und pluralistischer Kurs erwartet. Und obwohl beide Kandidaten eine verstärkt protektionistische Rhetorik verfolgen, hoffen offenbar auch die Investoren aus dem Ausland eher auf einen Sieg Widodos. Seine Parteifreunde versichern zudem, dass von seiner Präsidentschaft auch Jakarta profitieren würde. Schließlich hätte Widodo als Staatsoberhaupt noch mehr Möglichkeiten, Gutes für die Hauptstadt zu tun.

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